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Was ist eigentlich Cosy Crime?

Heute versuche ich mich an einer Erklärung des Genres, in dem ich mich mit meiner Yoga-Krimi-Reihe aktuell bewege. Moorkamps Fälle gehört in das Untergenre des Kriminalromans, das man gemeinhin Cosy Crime nennt. Ein Begriff aus der englischen Sprache, doch wie so häufig heißt es im Englischen eigentlich anders – nämlich Cozy Mystery. Ein gemütlicher Rätselroman. Damit könnte ich schon fast aufhören, zu erklären, aber ich habe mir für heute höhere Ziele gesteckt – also erkläre ich es anständig.


 

Was ist eigentlich Cosy Crime?

Noch immer ist Cosy Crime viel zu wenigen Menschen ein Begriff, obwohl die meisten Krimileser und TV-Konsumenten durchaus schon Berührungspunkte damit hatten. Insgesamt komme ich auf 9 Kriterien, die einen Cosy Crime Roman ausmachen.

1. Cosy Crime ist ein Untergenre des Kriminalromans

So weit, so gut. Im Rahmen des Kriminalromans werden Kriminalfälle (oder auch solche, die nur wie Kriminalfälle aussehen) behandelt. Es geht im Wesentlichen um das Ermitteln der Wahrheit bzw. die Lösung des Falles – also um das Rätsel an sich.

Während in den meisten Kriminalromanen ein Polizist oder eine Polizistin (gern auch mal Gerichtsmediziner, Anwälte oder Privatdetektive) die Hauptfigur ist, so weicht ein Cosy Crime davon meist ab.

2. Die Hauptfigur ist ein Amateur

Es gibt immer mal wieder Ausnahmen von dieser Regel – so wie bei überhaupt allen Regeln, aber im Wesentlichen haben wir es im Cosy Crime mit einen Amateur-Ermittler zu tun. Überdurchschnittlich häufig sogar mit einem weiblichen Amateur-Ermittler. Weshalb wir also im Folgenden die weibliche Form annehmen und von der „Ermittlerin“ sprechen werden. (Ist nur fair, oder?)

Die Ermittlerin darf gerne eine schrullige Figur sein.

  • Die Postvorsteherin, Harry, spricht manchmal mehr mit ihren Haustieren als mit ihren Mitmenschen (Rita Mae Brown)
  • Die ehemalige PR-Beraterin, Agatha, hat einen Hang zu alkoholischen Getränken und ist insgesamt eine ziemlich lästige Person (M.C. Beaton)
  • Der einzige laotische Leichenbeschauer, Dr. Siri, sieht Gespenster (Colin Cotterill)
  • Die präpubertäre Hobbychemikerin, Flavia, wird von ihren älteren Schwestern gemobbt und schließt sich für Experimente gern in ihrem Flügel auf dem väterlichen Anwesen ein – man erinnere sich an die Eisbahn im Haus! (Alan Bradley)

Hier geht wirklich alles – alle Altersklassen, alle Jobs und Interessen, alle Fähigkeiten, alle Hirngespinste…

Gegenbeispiel:

Inspektor Barnaby – vielen ZDF- oder ZDF Neo-Zuschauern sicher bekannt – ermittelt in seinen Fällen sehr „Cosy Crime“-like. Obwohl er vom Fach ist, würde ich seine Fälle doch noch zu diesem Untergenre zählen, weil die Wahl der Hauptfigur eben nicht alles ist.

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3. Persönliche Verwicklung in den Fall ist notwendig

Natürlich muss unsere Ermittlerin in irgendeiner Weise selbst von dem Fall berührt werden, denn sonst hätte sie keine Kenntnis von dem Fall und keine Motivation ihn zu klären.

Nehmen wir mal unser erstes Beispiel zur Hand:

In Agatha Raisins erstem Fall zieht die ehemalige PR-Beraterin in ein beschauliches Dorf und durch ihre Quiche kommt der Preisrichter zu Tode.

Hier also: Persönliche Verwicklung durch eigene Verdächtigung. Aber es gibt natürlich noch viele weitere Aufhänger für eine solche Geschichte.

4. Nicht alles muss realistisch sein

Absolut nicht. In diesem Untergenre hat man zwar noch immer nicht die Möglichkeiten von High Fantasy, aber für einen Krimi sind wir verdammt nah dran. Es beginnt in den kleinen Sachen – die Polizeiarbeit muss nicht realistisch abgebildet werden – und endet bei sprechenden Tieren (z.B. bei Rita Mae Brown) und Geistern (z.B. bei Colin Cotterill).

Es gibt Menschen, die mögen es, wenn in einem Buch die Realität absolut perfekt getroffen wird. Bei Cosy Crime sind häufig die Orte frei erfunden, um in diesem Bereich frei genug zu sein.

5. Ein beschauliches Fleckchen Erde ist gewünscht

Cosy Crime soll eben auch gemütlich sein – einladend. Was bietet sich da besser an als ein kleiner Ort in einer Urlaubsregion? Das fiktive Örtchen Crozet in Virginia ist der Schauplatz der meisten Mrs. Murphy Romane von Rita Mae Brown und Agatha Raisin ermittelt im beschaulichen Carsley in den englischen Cotswolds. Aber nicht nur meine Protagonistin in „Unter Verdacht“ bricht mit dieser Regel, sondern auch Colin Cotterills Dr. Siri, der seine Fälle in ganz Laos löst.

Dennoch gilt es hier noch einmal eine deutliche Abgrenzung zu Regionalkrimis zu vollziehen. Denn ein Krimi, der im beschaulichen Hintertupfingen spielt, ist nicht zwingend ein Cosy Crime Roman.

6. Sex und Gewalt – Fehlanzeige!

Diese Unterart des Kriminalromans unterscheidet sich besonders in seiner Gewaltdarstellung von anderen Krimis oder gar Thrillern. In manchen Cosy Crime-Romanen gibt es viele Tote, doch in keinem wird die Gewalt gezeigt. Wenn jemand erschlagen, erstochen oder geköpft wird, passiert das im Stillen. Das Blutigste sollte wirklich ein Schnitt im Finger sein. Es gibt auch keine drückende Atmosphäre von häuslicher Gewalt oder anderen physischen Bedrohungszuständen – das ist nicht „cosy“.

7. Mord, Totschlag, Unfalltod

Alles ist möglich. Niemand muss sterben. Es kann auch um ein Verbrechen gehen, dass es nie gab. Eine Ermittlung steht in jedem Fall (mit) im Vordergrund. Hier geht es im Wesentlichen um das Lösen des Rätsels und weniger darum, eine Bedrohung aufzubauen. Es wird mit Spannung durch das Rätsel selbst gearbeitet. Das bedeutet nicht, dass der Protagonistin nichts passieren darf, aber es wird keine Spannung dadurch erzeugt, wie zum Beispiel in Thrillern, wo es der Böse auf die arme Frau abgesehen hat und der Held die Frau vor dem Unhold retten muss.

8. Reihen bevorzugt

Ein Cosy Crime Roman endet in der Regel mit der (befriedigenden) Aufklärung des Falles und lässt weiteren Raum für die Entwicklung der Figuren, denn die meisten dieser Romane sind als Reihen aufgebaut. (Mir fällt im Augenblick kein einziges Gegenbeispiel ein) Ein Täter, der davonkommt, ist nicht üblich. In dieser Art von Krimi sollte jeder seine gerechte Strafe bekommen – auch böse Nebenfiguren bekommen ihr Fett weg.

Darüber freue ich mich immer besonders.

Das Leben ist schon ungerecht genug – mit Cosy Crime wird es ein bisschen gerechter!

9. Im Hintergrund aber nicht leise

Das Privatleben der Hauptfiguren ist meist ebenfalls ein wichtiger Handlungsstrang, der die Einzelbände untereinander verbindet und weshalb es empfehlenswert ist, alle Bücher in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Jeder Fall sollte aber in sich so abgeschlossen sein, dass der Leser das Buch zufrieden zur Seite legt. Denn genau das ist der Zustand, in dem der Autor (in diesem Fall spricht die Autorin für sich selbst) den Leser versetzen will.

Ich kehre immer gerne an die Schauplätze zurück und begegne den Figuren wieder, wenn ich den neusten Band einer Cosy Crime Reihe in die Hand nehme. Für mich gehört das zu dem Genre als ganz wichtiges Element dazu. Die Figuren und ihr Leben entwickelt sich in dem Kosmos, in dem eben auch immer wieder etwas Unerwartetes passiert – schließlich werden nicht alle Tage Morde in beschaulichen kleinen Orten begangen…

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