Handwerk · Schreiben · Verhaltensbeobachtung

Das 1×1 der Körpersprache, Bullshit-Bingo und Trinkspiele

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass in euren Texten bestimmte körpersprachliche Signale gehäuft vorkommen?

Augenbrauengewackel, Schultergezucke, Fußballenwippen, etc.

Man kann garantiert aus euren Lieblingen ein lustiges Trinkspiel oder ein Bullshit-Bingo machen…

Egal, wofür ihr eine Vorliebe habt, wahrscheinlich benutzt ihr es öfter, als euch bewusst ist. Wisst ihr immer, was ihr damit ausdrücken wollt? Welche Emotion beschreibt ihr mit euren Worten?

Sind es bewusst eingesetzte mimische Ausdrücke oder Mikroausdrücke, denen sich die Figur überhaupt nicht bewusst ist?

Kann aus der Erzählperspektive heraus tatsächlich etwas darüber gesagt werden? Ein Ich-Erzähler kann nur die eigenen mimischen Ausdrücke beschreiben, die er bewusst anwendet, denn alles andere fällt ihm an sich überhaupt nicht auf. Dass er vor Schreck die Augen weitet, bemerkt er nicht. Bei einer anderen Figur kann er es natürlich beobachten.

Natürlich ist das stark abhängig von der Neigung deiner Perspektivfigur, sich selbst zu beobachten, aber mach doch mal den Versuch, deine Körpersprache in einer bestimmten Situation zu beschreiben, ohne dich vor einen Spiegel zu stellen. Wie viel von deiner Aufmerksamkeit braucht es, zu bemerken, ob du die Augenbrauen hochziehst, wenn du im Gespräch mit jemandem etwas in Frage stellst?

Ich bin in dieser Hinsicht garantiert nicht frei von Fehlern, aber vielleicht hilft dieser Beitrag dir und mir, zukünftig Fehler in der Beschreibung von Körpersprache zu vermeiden.


Trennen wir zunächst Mikroausdrücke von mimischen Ausdrücken

Kennt ihr die Serie „Lie to me“? Dort gibt es allerhand spannende Lehrstunden zu Mikroausdrücken. Man kann sie nicht unterdrücken, weil sie keiner bewussten Steuerung unterliegen.

Sie können aber trotzdem wunderbar benutzt werden, um Kontraste zu erzeugen. Erzählt eine andere Figur etwas und zeigt gleichzeitig Mikroausdrücke, die widersprüchlich sind, fällt es dem Leser vielleicht nicht sofort auf, aber viele werden zumindest ein „komisches Gefühl“ dabei haben.

„Natürlich liebe ich dich“, beteuerte er, während er sich nach seiner Kaffeetasse im Schrank streckte.

Glaubst du ihm?

(Der Ausdruck ist nicht wirklich „Mikro“ in meinem Beispiel, aber er zeigt, was ich mit Kontrast meine. Er könnte sich auch den Nacken reiben, dieses Zeichen ist aber für den Leser schwieriger zu erkennen.)

Er wendet sich ab, während er diese für sein Gegenüber wichtige Aussage tätigt. Entweder ist es ihm nicht wichtig, er ist genervt, weil er es zum zehnten Mal sagen muss, oder er lügt. Je nach Vorgeschichte erzeugt das aber zumindest beim Lesen einen Eindruck, der Zweifel aufkommen lässt.

Es liegt nicht in der Absicht der Figur in dem Beispiel, diesen Zweifel zu säen, schließlich will er sie (oder ihn) überzeugen. Demnach bemerkt er seine widersprüchliche Handlung nicht als solche. Ein Ich-Erzähler weiß aber dennoch, dass er sich gerade nach einer Tasse streckt, könnte es also beschreiben.

Anders verhält es sich bei rein mimischer Aktivität.

Sie quittierte seine wiederholte Beteuerung mit einem Kräuseln der Lippen.

Hier ist die Frage „Wer ist der Erzähler?“ noch wichtiger. Er schaut gerade nach seiner Kaffeetasse, kann es also nicht bemerkt haben. Sie weiß nicht, dass sich ihre Lippen verziehen. Ein Dritter, der dabei steht, könnte es bemerken, oder aber ein allwissender Erzähler. Das Kräuseln oder Spitzen der Lippen im Gespräch signalisiert übrigens tendenziell eine ablehnende Haltung.

Es ist überhaupt so, dass körpersprachliche Signale nicht zwingend eindeutig sein müssen. Der Erzähler kann sie übersehen, überinterpretieren, falsch auffassen… Du kannst damit deinem Leser eine (falsche) Fährte legen, in ihm Zweifel säen oder ihm die Antwort auf seine Frage verraten, ohne sie auszusprechen.

Bewusst eingesetzte Mimik findet sich häufig bei Menschen, die eine bestimmte Wirkung beim Gegenüber erzielen wollen. Die Highschool-Prinzessin, die gewohnt ist, mit ihrem Schmollmund ihren Willen durchzusetzen – um nur ein Beispiel zu nennen.

Wer kann was überhaupt wahrnehmen?

Ich habe es schon ein paar Mal angemerkt. Einerseits ist es die Perspektive, die einschränkt, welche Informationen wir an unseren Leser weitergeben können. Eine sehr clevere junge Autorin hat mich gelehrt, dass wir unsere Szenen im Grunde gleich so anlegen sollten, wie ein Zuschauer sie sehen soll. (Sie hat eigentlich gesagt, dass sie beim Schreiben vor Augen hat, wie sie die Szene zeichnen würde.)

Ein Ich-Erzähler müsste also durch die Augen der Perspektivfigur schauen. Ohne Spiegel sieht er sich nie selbst. Hier ist klar, dass er die Szene also aus seiner Perspektive sieht. Wo steht er im Raum? Wem kann er ins Gesicht schauen? Was bleibt vor ihm verborgen?

Erzählt ein Er oder eine Sie die Geschichte, befinden wir uns natürlich auch mit der Figur im gleichen Raum, haben aber eine etwas größere Distanz zu ihm oder ihr. Wir müssen beim Zeichnen nicht durch seine oder ihre Augen schauen, aber wir sind in der Wahrnehmung trotzdem eingeschränkt. Er, der in den Schrank schaut, kann unmöglich sehen, was hinter seinem Rücken passiert. Willst du trotzdem vermitteln, was passiert, musst du dich auf andere Sinne stützen. Vielleicht knallt sie die Tür hinter sich zu, weil ihr seine Antwort nicht gefällt, vielleicht stöhnt sie genervt, vielleicht berührt sie ihn aber auch an der Schulter – whatever!

Der Allwissende Erzähler kann überall zugleich hinsehen und alles beobachten. Dafür unterliegt er eben anderen Beschränkungen.

Andererseits kommt die Wahrnehmung deines Erzählers als Einflussfaktor hinzu. Jemand, dessen Sinne geschult sind, auf Körpersprache zu achten, oder jemand, dem wichtig ist, was sein Gegenüber von ihm hält, nimmt nonverbalen Kommunikation viel eher wahr, als jemand, dem sein Umfeld ziemlich egal ist.

Ist dein Erzähler also beispielsweise verliebt in den Anderen, achtet er auf die Signale, die ihm etwas darüber verraten können, wie der Andere zu ihm steht. Die meisten Menschen können sich da aus eigener Erfahrung recht gut hineinversetzen. Ist deinem Erzähler aber egal, was andere von ihm halten, achtet er weniger auf deren Reaktionen auf ihn.

Wenn du über den Bahnhofsvorplatz läufst, schaust du dir ja auch nicht im Detail die Gesichter der Umstehenden an, oder?

Trägst du allerdings diese knallrote Hose zum ersten Mal in der Öffentlichkeit, versuchst du vielleicht aus den Gesichtern um dich herum zu deuten, ob du darin total albern aussiehst.

(Ich glaube, das ist ein ziemlich treffendes Beispiel.)

Vielleicht musst du also das Schulterzucken der Figur gar nicht beschreiben, weil es deinem Erzähler egal ist.

Was soll das jetzt mit dem Bullshit-Bingo und dem Trinkspiel?

Vergleich doch mal zum Selbststudium ein paar deiner Texte und such nach körpersprachlichen Signalen. Einfach mal pink anmerken und sammeln. Bist du jemand, der die Figuren immer die Augenbrauen hochziehen lässt? Zucken deine Figuren quer durch alle Bücher ständig mit den Schultern?

Damit aus deinen Büchern also keine Trinkspiele werden und niemand ein Bullshit-Bingo-Sheet von deinen beliebtesten Signalen anlegen kann, beobachte dich selbst und korrigiere deine Fehler. Ich fange dann mal bei mir an 😉


Weiterführende Infos

Wenn du eine gute Aufstellung möglichst vieler körpersprachlicher Signale suchst, schau doch mal in den folgenden Links:

Recht allgemein gehalten und umfangreich – https://www.matschnig.com/medien-presse/glossar-koerpersprache/

Auch noch allgemein und nicht weniger interessant – https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/kommunikation/koerpersprache/index.html

Speziell in Bezug auf geschäftliche Beziehungen – http://www.business-netz.com/Kommunikation/Koerpersprache-deuten-ABC-der-Koerpersprache

Flirten – https://www.lovescout24.de/magazin/koerpersprache/

Mit vielen Bildern zu bestimmten Körperhaltungen – https://www.lmz-bw.de/koerpersprache.html

Drei Beispiele für unbewusste Lippenbewegungen – https://www.welt.de/kmpkt/article158832044/Was-Lippen-ueber-die-Gedanken-eines-Menschen-verraten.html

Weitere Signale mit dem Mund – http://www.nonverbale-kommunikation.ch/mundausdruecke-und-lippen-der-koerpersprache/