Nutzt du alle 5 Sinne beim Schreiben

Beim Schreiben von Geschichten haben wir mindestens einen großen Vorteil gegenüber den Filmemachern. Wir können glaubwürdig vermitteln, was unsere Figuren riechen, empfinden oder schmecken. Diesen Vorteil sollten wir schamlos ausnutzen. Sensorisches Schreiben verleiht deinem Roman mehr Tiefe, die deine Leser spüren werden.

Bei deinen Beschreibungen des Settings solltest du also nicht nur erwähnen, was dein Erzähler sieht oder hört, sondern du solltest genau die Sinne ansprechen, die der Konkurrent auf dem Bildschirm nicht erreichen kann.

Natürlich erfordert das, dass du beim Schreiben über die Zuschauerrolle hinauswächst. Du musst spüren, riechen und schmecken, was auch deine Figuren mit ihren Sinnen erfahren sollen. Wir kommen hier in die Nähe des weisen Ratschlags, der uns sagt, wir sollen über Dinge schreiben, die wir kennen – aber das heißt nicht, dass du nichts verwenden darfst, was es nicht gibt oder was du nicht kennst.


Eine Anekdote aus einem Autorenforum:

Vor einigen Monaten habe ich in einem Autorenforum eine Frage gefunden, die mich an dieses Thema erinnert. Eine Person, die angab, aus körperlichen Gründen noch nie Sex gehabt zu haben, aber er oder sie (ich erinnere mich nicht mehr) wollte unbedingt eine Sexszene schreiben. Neben einigen Klischees, die sich selten glaubhaft lesen lassen, wenn da gar nichts an eigenen Erfahrungen oder Aspekten drin steckt, wurde der Fragesteller auch mit der Frage konfrontiert, warum er oder sie unbedingt diese Szene schreiben wollte.

Eine sehr berechtigte Frage. Außer in einem Erotikroman ist eine explizite Sexszene fast nie notwendig. Von einem Erotikautor erwarte ich zumindest eine Basiskenntnis der Materie. Nein, man muss nicht jede Praxis ausprobiert haben, über die man schreibt, aber zumindest eben Basiskenntnisse in Sachen Sex, setze ich voraus. Wenn man also keine Ahnung von einer Sache hat, sollte man die Szene vielleicht ändern oder auslassen, aber für die meisten Situationen lassen sich Erfahrungen sammeln.

Selbstverständlich gibt es Serienmörderbücher aus der Sicht des Täters und ich erwarte nicht, dass der Autor die Dinge selbst ausprobiert hat, aber (und da kommt es wieder) ich setze gewisse Grundkenntnisse der menschlichen Psyche und ihrer Abgründe voraus.


Sensorisch Beschreiben: Lasst uns ein Beispiel durchleben

Sieh dir das Foto an. Du siehst eine attraktive junge Frau im Trainingsoutfit vor einem Boxsack. Die Lichtstimmung ist düster, ihre Haare sind strähnig. Uns soll vermittelt werden, dass die Frau am Boxsack trainiert – okay, verstanden.

Das Bild vermittelt uns den visuellen Teil der Szene. Wäre es ein Film, so könnten wir vermutlich außerdem hören, dass sie schwer atmet. Ihre Fäuste prallen auf den Sack und erzeugen ein dumpfes Klatschen. Im Hintergrund hören wir vielleicht andere Boxer trainieren.

Nun fehlt aber noch einiges, um uns in die Situation zu versetzen. Warst du schon einmal in einem Boxring? Willst du die Szene aus ihrer Sicht schreiben oder aus der Sicht einer Person am Rand?

Mach deine eigenen Erfahrungen und verarbeite sie in deinem Text

Im Raum riecht es nach einem Gemisch aus frischem und altem Schweiß. Die Handschuhe saugen den Schweiß auf und lassen ihn nie wieder richtig los. Der Boden ist angeraut, damit die Boxer auf dem nass geschwitzten Boden nicht ausrutschen. Immer wenn die Handschuhe auf den Boxsack treffen, entweicht eine Woge des Schweißgeruchs, weil die Luft im Polster herausgedrückt wird. Der Sack ist schwer und fest. Es bedarf einiger Kraft, den trägen Sack in Schwingung zu bringen. Das Training ist anstrengend, die Muskeln brennen und die Arme werden schwer. Das Atmen fällt ihr mit zunehmender Anstrengung immer schwerer. Sie beginnt zu schnaufen. Der Schlag gegen den Sack bringt nicht nur den Sack in Bewegung, sondern auch sie spürt den Schlag bis in die Schulter. Sie muss den Bauch anspannen, damit sie zum nächsten Schlag ausholen kann. Möglicherweise beißt sie sich beim Training in die Wange, dann schmeckt sie den metallischen Geschmack von Blut. Vielleicht hat sie einen trockenen Mund, weil sie durstig ist. Vielleicht hat sie gerade einen Schluck von einem isotonischen Sportgetränk genommen und hat deshalb einen zitronigen Geschmack im Mund.

Wenn du diese Eindrücke aus deiner Geschichte herauskitzeln kannst, wird dein Leser die Geschichte auch erleben können, statt nur zuzusehen. Natürlich sollst du nicht einfach, wie ich in der Situationsbeschreibung, alles hinschreiben, was es über eine Situation zu erzählen gibt. Für deine Geschichte ist es gut, wenn du die Eindrücke etwas subtiler verpackst. Aber zum Erfahrungen sammeln reicht diese Darstellung alle Mal.

Probier es doch einmal aus. Geh da raus und erfahre mit all deinen Sinnen, was es bedeutet, eine Situation zu erleben. Tu etwas Ungewohntes und lerne daraus, wie du es einen Lesern beschreiben kannst.

Falls du nun deinen Serienmörder-Roman schreiben möchtest, unterhalte dich doch mal mit einem Psychiater, einem Therapeuten oder einem Ermittler, um deine Beschreibungen glaubwürdiger zu machen. Es müssen nicht deine eigenen Erfahrungen sein, wenn deine Quelle glaubwürdig ist.