Leseprobe zu „Unter Verdacht: Moorkamps erster Fall“

***COSY CRIME MIT YOGAMATTE UND KAFFEE***

Der Einstieg in die Cosy Crime Reihe Moorkamps Fälle um die Berliner Yogalehrerin Emi Moorkamp.

Emi Moorkamp glaubt fest an das Gute im Menschen. Nichts wünscht sie sich mehr, als mit ihrer großen Leidenschaft, dem Yoga, ihren Lebensunterhalt verdienen zu dürfen. Der Tod eines Fitnesstrainers durchkreuzt ihre Pläne und sie findet sich als Hauptverdächtige in dem Fall wieder. Als wäre das nicht schon katastrophal genug für ihren Ruf, wird dann auch noch ein Beweisstück gefunden, das es nicht geben dürfte.

Auf ihrer Suche nach dem wahren Täter erhält Emi Hilfe von ganz unerwarteter Seite. Doch der Täter kommt ihr ebenfalls gefährlich nahe.

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Als sie an der Theke der Getränkebar des Fitnessstudios in der Torstraße saß, konnte sie endlich durchatmen. Bislang war ihr Tag nicht gerade ideal verlaufen, aber sie freute sich auf die Unterrichtsstunde, die sie in einer Viertelstunde beginnen durfte. Nach zahlreichen Rückschlägen, empfand Emi Moorkamp es nun fast schon als Privileg, im Chrome Fitness Yoga unterrichten zu dürfen. So viele andere Studios hatten ihr eine Absage erteilt. Dabei hatte sie es sich so schön ausgemalt, sich mit ihrem Hobby selbstständig zu machen. Leider musste sie sich eingestehen, dass das viel einfacher klang, als es wirklich war. Die guten Zeiten, in denen Yogalehrer händeringend gesucht wurden, waren vorbei. Eine Flut von Lehrerworkshops machte alle binnen weniger Tage zu absoluten Experten auf dem Gebiet. So jedenfalls die landläufige Meinung der Studiomanager, wenn sie ihr sagten, warum sie keine Stunden an Selbstständige outsourcten. Und das Schlimmste daran war, dass das für die Art von Yogaunterricht, den sich die Betreiber vorstellten, sogar stimmte.

Ihre langjährige Bekannte Isa unterhielt sich neben ihr noch mit einem ihrer Klienten. Den Auftrag für das Chrome Fitness hatte Emi nur ihretwegen bekommen, weil sie sich bei David, dem Besitzer, für sie eingesetzt hatte. Doch er wurde nicht müde zu betonen, dass sie sozusagen unter Bewährung stand. Keine Esoterik, nur Sport. Das war sein Anspruch und Emi wusste, dass sie am Anfang Kompromisse machen musste, um das Geld für die Miete aufzutreiben. Wenn es irgendwann besser lief – und sie war überzeugt, diese Zeit würde kommen – wollte sie ihre eigenen Regeln durchsetzen.

Isa war gleichzeitig ihre Rettung und ihre Inspiration gewesen. Als sie sich kennenlernten, hatten sie beide gerade ihr Medizinstudium begonnen. Nach dem ersten Jahr schmiss Isa jedoch hin und wechselte den Studiengang. Sport war schon immer ihre Leidenschaft gewesen und sie hatte den Mut gefasst, genau das zu tun, was sie liebte. Auch wenn der Arztberuf ihr ein höheres Grundgehalt versprach, wagte sie den Absprung. Mittlerweile war sie eine gefragte Personal Trainerin für Berliner Leistungssportler, die gezielten Muskelaufbau brauchten oder sich von einer Verletzung erholten. 

Für diesen Beruf war es zu Isas Glück unerheblich, dass sie lieber ungewöhnlich aussah. Schon damals hatte sie einzelne Tattoos auf den Armen gehabt. Heute hatten sich diese zu einem bunten Gesamtkunstwerk vereinigt. Bei der Arbeit trug sie Kleidung, die dies eher betonte als verdeckte. An diesem Tag bot ein schwarzes Tanktop mit dem Aufdruck des Chrome Fitness den Ausblick auf Teile des Kunstwerks. Es schlängelte sich von ihren Armen hinauf auf ihre Schultern und verschwand dann verheißungsvoll unter dem Stoff. Auch im Halsausschnitt war etwas Farbe zu erahnen. Im Arztberuf hätte sie das niemals umsetzen können, langärmlige Rollkragenpullover wären unter dem Kittel notwendig gewesen.

 Hier musste sie sich für ihre Arbeit nicht verbiegen und das, was Isa sich erarbeitet hatte, wollte Emi auch für sich. Sie hatte zwar ihr Studium und das praktische Jahr hinter sich gebracht und hätte sicher auch eine Anstellung in einem Krankenhaus gefunden, aber das war eben nicht, was sie wirklich wollte.

Die blonde Fitnesstrainerin bestellte dem Sportler noch einen Eiweißshake bei Vanessa, die an diesem Tag die Theke betreute, und wandte sich anschließend Emi zu.

»Na, wie läuft‘s?«, fragte sie wie immer verboten gut gelaunt.

»Eher mäßig bis schlecht, aber was soll‘s?«, antwortete Emi und ahmte den unbeschwerten Ton nach. Es war die Wahrheit, aber es würde sie nicht umbringen. Sie nagte nicht am Hungertuch und zur Not würden ihre Eltern ihr mal wieder aushelfen. Nur ihr Ego litt tatsächlich unter den ständigen Absagen, aber sie war nicht bereit schon aufzugeben. Sie probierte es erst seit drei Monaten und manchmal brauchten die Dinge eben länger.

Isa seufzte und zog die Brauen hoch.

»Wenn ich irgendwie helfen kann, sag einfach bescheid«, bot sie an.

»Danke, das weiß ich wirklich zu schätzen.«

»Gibt‘s denn wenigstens mit den Männern mal was Neues?«, fragte sie ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. So war sie eben. Isa war so erfrischend direkt, dass ein Eimer Eiswasser gegen sie wie ein warmes Bad wirkte.

»Männer, was war das nochmal?«

Ihre letzte Beziehung war schon so lange her, dass Emi sich kaum noch daran erinnerte, wie es sich anfühlte, das eigene Leben mit jemandem zu teilen.

»Wenn du da einen Auffrischungskurs brauchst, kannst du ja mal unseren Studio-Casanova um eine Audienz bitten«, scherzte sie. »Da kommt er gerade.«

Emi musste sich nicht umdrehen. Schon von Weitem roch sie das billige Rasierwasser, das ihn wie eine persönliche Regenwolke begleitete. Thomas war so ziemlich das Gegenteil von dem, was sie sich unter einem tollen Mann vorstellte. Dabei war es nicht einmal sein Aussehen, das sie so abstoßend fand, sondern viel mehr sein übertriebenes Macho-Gehabe. Er führte sich auf, als könnte er jede Frau auf dem Planeten mit einem seiner Anmachsprüche um den Finger wickeln. Aber das konnte er nicht. Spätestens bei ihr biss er auf Granit. Er hatte bereits mehrfach probiert, bei ihr zu landen, doch sie hatte ihn immer wieder freundlich abgewiesen. Daran würde sich in diesem Leben gewiss nichts mehr ändern.

»Hallo ihr Süßen, habt ihr mich schon vermisst?«

Sie konnte gerade noch ein genervtes Augenrollen unterdrücken, als Thomas sich zwischen sie schob. Isa entging ihre Reaktion jedoch nicht. Thomas bekam es zwar nicht mit, weil er mit dem Rücken zu ihr stand, aber Emis Laune besserte sich, als sie sah, wie Isa ihr ein verschwörerisches Grinsen zuwarf. Auch bei der ehrgeizigen Trainerin kam Thomas‘ Charme offenbar nicht an.

»Eigentlich ging es«, gab Emi ihm zur Antwort. »Ein paar Minuten hätten wir es noch ohne dich ausgehalten.«

Er lehnte sich vor und kam ihr viel zu nahe. Vielleicht war eine freundliche Abfuhr nicht die Sprache, die er verstand. Sie wurde ungern grob, aber Emi hasste es, wenn man ungefragt derart in ihren persönlichen Wohlfühlbereich eindrang.

»Ach, komm, ich habe doch gesehen, dass ihr über mich gesprochen habt.«

Sein Minzatem trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie musste hier weg.

»So ein Pech, dass wir uns nicht weiter unterhalten können«, schnappte Emi. »Ich muss mich jetzt mal für meine Stunde fertigmachen.«

Mit jemandem, der ein ernsthaftes Interesse an ihr zeigte, hätte sie niemals so gesprochen. Doch bei Thomas, der seine Avancen mit der Gießkanne über sämtliche Frauen in seinem Umfeld verteilte, konnte sie den Spott nicht mehr unterdrücken. 

Sie entwand sich ihm und marschierte die breite Metalltreppe ins Obergeschoss des umgebauten Ladengeschäfts hinauf. Früher war das Studio ein Supermarkt gewesen. Doch im Zuge des Umbaus hatte man die früheren Wohnungen im zweiten Stock des Altbaus hinzugenommen und diese mit der Treppe an das Erdgeschoss angeschlossen. Die Mieter in den oberen Stockwerken hatten ein eigenes Treppenhaus auf der Rückseite des Hauses. 

Sie nahm immer zwei Stufen auf einmal, um schneller von Thomas wegzukommen. Die Tür zur Mitarbeiterumkleidekabine fiel hinter ihr zu. Sie öffnete das Zahlenschloss ihres Spindes und beugte sich hinein, um ihre geliebte Matte aus Naturgummi herauszukramen. Zwar roch das Material des Markenprodukts stark nach Reifen, aber es verhinderte hervorragend, dass ihre Füße und Hände beim Training darauf rutschten. Diese Matte begleitete sie nun schon einige Jahre durch ihre Praxis und sie würde immer wieder zu einem solchen Produkt greifen. Die Alternativen aus Kunststoffen verströmten zwar deutlich weniger Eigengeruch, aber sie nahm den Gummigeruch gern in Kauf, wenn sie beim Training nicht mit Erdölerzeugnissen in Kontakt kam. Man las immer wieder, dass gerade in Verbindung mit Schweiß dort ungesunde Substanzen aufgenommen werden konnten. Falls dies stimmte, war sie froh, sich wenigstens vor diesem Risiko zu schützen. Das Leben war sowieso schon riskant genug. Auf eine gute Weise.

Als sie die Tür wieder versperrte, stand Thomas plötzlich über ihr. Wie in einem menschlichen Käfig war sie zwischen seinen Armen eingesperrt. Seine körperliche Überlegenheit wurde ihr bedrohlich bewusst. Sie waren allein.

»Ich glaube, du brauchst mal einen richtigen Mann, damit du nicht mehr so widerspenstig bist«, flüsterte er mit einer tiefen Stimme, die vermutlich verführerisch klingen sollte. Die erotische Wirkung übertrug sich jedoch nicht auf Emi. 

Entschlossen, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, straffte sie die Schultern und sah ihm fest in die Augen. Sie war eine erwachsene Frau und wollte sich von so einem Typen nicht einschüchtern lassen. Er würde wohl kaum Gewalt gegen sie anwenden. Oder etwa doch?

»Wie wäre es denn heute Abend nach Ladenschluss?«, konkretisierte er seine Absichten. »Nur du und ich an einem lauschigen Plätzchen?«

Ihr Puls raste. Ein Engegefühl in ihrer Brust schnürte ihr die Luft ab. Sie war kein Opfer und er würde sie zu keinem machen.

»Nein, danke, ich muss heute ganz dringend noch meine Briefmarken sortieren.« zitiere Emi Moorkamp 

Sie war selbst überrascht über ihre schlagfertige Antwort. Ehe er Zeit für eine Reaktion hatte, tauchte sie unter seinem Arm hinweg und rauschte in Richtung Übungsraum davon. 

Die ersten Schülerinnen waren schon eingetroffen. Froh nicht mehr allein zu sein, begrüßte sie die Anwesenden freundlich wie immer. Niemandem fiel auf, dass ihr Lächeln an diesem Tag nicht echt war. Ihre Gedanken kreisten noch um die merkwürdige Situation. Das angenehme Gefühl der Leere in ihren Gedanken stellte sich vor dieser Stunde nicht freiwillig ein. Normalerweise nahm sie sich selbst und ihre Gefühle ohne große Mühe völlig zurück, sobald sie in den Übungsraum trat. 

Was hatte Thomas sich dabei gedacht? Glaubte er, seine Anmache imponierte ihr mehr, wenn er sie bedrängte? In ihrem Kopf ging sie die Möglichkeiten durch. Im besten Falle war es tatsächlich ein sehr missglückter Versuch einer Anmache und im schlechtesten Fall eine Drohung. Sie wollte sich nicht ausmalen, was hätte passieren können, wenn sie ihm an einem anderen Ort begegnet wäre. Nachts auf einer dunklen Straße. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie musste diese Gedanken verdrängen. So konnte sie unmöglich auf die Bedürfnisse ihrer Schüler eingehen. Sie selbst war hier nicht von Bedeutung.

Vor der Spiegelwand entrollte sie ihre Matte und war sie ausnahmsweise einmal froh darüber, dass die meisten Schüler sich ein wenig verspäteten. Dies bot ihr die Gelegenheit, sich noch ein wenig zu sammeln, bevor sie ihren Unterricht begann. Doch die Gedanken ließen sie nicht los. Es war wohl am besten, wenn sie ihm in Zukunft komplett aus dem Weg ging. Wie sie das im Chrome Fitness bewerkstelligen sollte, war ihr jedoch nicht klar. Doch auf keinen Fall wollte sie noch einmal mit ihm allein sein. 

Vielleicht bildete sie sich das auch alles nur ein, aber sie wollte es nicht darauf ankommen lassen, nur um zu wissen, ob sie am Ende Recht behalten würde. Um den Kopf von diesen Gedanken zu befreien, beschloss sie, dieses Thema bei ihrem nächsten Telefonat mit ihrer besten Freundin zu thematisieren. Vielleicht hatte sie ja eine gute Idee, wie man so einen aufdringlichen Typ wieder loswerden konnte.

Sie schaffte es, die negativen Gedanken von sich zu schieben und versicherte sich, dass dieser Raum für die kommenden sechzig Minuten ein sicherer Ort war. Ihre kleine Oase, die sie nur mit ihrer Gruppe teilte. Die restlichen Schülerinnen waren eingetroffen und nahmen ihre Stammplätze ein. 

Emi führte die Hände vor der Brust zusammen und verbeugte sich vor ihrer Klasse.

»#Namasté, meine Lieben. Schön, dass ihr hier seid!« zitiere Emi Moorkamp

Sie meinte es aufrichtig, aber die Worte halfen ihr auch, sich zu konzentrieren. Mit wenigen Worten erklärte sie, was sie für diese Unterrichtseinheit geplant hatte, und vergewisserte sich mit einem Blick in die Gesichter ihrer Schülerinnen, dass sie den richtigen Schwerpunkt gelegt hatte. 

In diesem Augenblick betrat Thomas den Raum. Ärger stieg in ihr auf. Er zerstörte ihre Oase. Mit Sicherheit wusste er, wie sehr sie das aus dem Konzept brachte. 

»Hi Mädels, lasst euch nicht stören, ich bin gleich wieder weg.« 

Er bahnte sich einen Weg durch die Matten der Kursteilnehmer, wobei ihm die Blicke einiger Frauen folgten. Ihm entging das Interesse nicht. Er taxierte die Schülerinnen und zwinkerte mindestens zweien von ihnen zu. Sie atmete noch einmal tief durch. Fest entschlossen, sich nicht noch einmal von ihm aus der hart erarbeiteten Ruhe bringen zu lassen, konzentrierte sie sich erneut auf ihr Stundenkonzept. 

»Beginnen wir mit dem Sonnengruß.« 

Mit einer Handbewegung forderte sie die Anwesenden auf, sich ans Ende ihrer Matten zu stellen, und begann die einzelnen Asana mit den zugehörigen Atemphasen anzusagen. Die Gruppe wusste bereits, wie sie im Sonnengruß von einer Pose in die andere wechselten. Es war immer gleich. Lediglich der Mittelteil ihres Unterrichts variierte.

Sie fand es unglaublich frech, dass Thomas überhaupt in ihre Stunde platzte. Er ließ sich sogar alle Zeit der Welt dabei. Noch schlimmer fand sie allerdings, dass darüber Wut in ihr aufstieg.

Warum überließ sie einem Fremden derart die #Kontrolle über ihre #Emotionen? zitiere Emi Moorkamp

Thomas wühlte in einem der Wagen mit Kleingeräten, die in einer Ecke des Raumes standen. Als er endlich gefunden hatte, was er suchte, präsentierte er Emi mit einem aufgesetzten Lächeln zwei Gewichtsmanschetten und verließ den Raum. Dies tat er jedoch nicht, ohne noch einmal einen abschätzenden Blick auf die Hintern der Schülerinnen zu werfen. Sie übten in jenem Augenblick den herabschauenden Hund, bei dem die Teilnehmerinnen auf Händen und Füßen stehend den Po in die Höhe reckten. Der Kerl war wirklich unerträglich.