Martins Hütte

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Der Anschlag auf ein Einkaufszentrum wird durch das Verschwinden seiner Freundin für einen kriegserfahrenen Journalisten zur persönlichen Tragödie. In seinem Wunsch, der Gewalt endlich zu entkommen, lässt er die Stadt hinter sich und beschließt, seinem Leben in einer einsamen Hütte mitten im Wald eine neue Wendung zu geben.

Doch der erhoffte Frieden endet jäh, als grausame Ereignisse und ein seltsamer Bücherfund die winterliche Idylle überschatten.

Ab sofort bei Amazon: Martins Hütte

Länge: ca. 135 Seiten

Leseprobe:

Seit zwei Stunden schleppte ich mich an ihrer Seite durch das Shopping Center. Irgendwann muss es doch auch mal gut sein, dachte ich. Weihnachten war noch rund sechs Wochen entfernt und sie versuchte, schon heute alle Geschenke einzukaufen. Natürlich musste ich mitkommen. Ich vermutete, dass sie mich lediglich als Begleitung und Taschenträger brauchte, weil irgendeine ihrer Freundinnen abgesagt hatte. Denn ansonsten erfüllte ich auf diesem Ausflug in den städtischen Konsumtempel keine Funktion.

Ich brauchte dringend eine Pause und sollte ebenso dringend noch meine Reportage überarbeiten. Schon morgen früh musste ich das Ergebnis bei dem Chefredakteur des Wochenmagazins abliefern. Mein Auftrag war es, eine Background-Story über einen jüngst in Verruf geratenen Politiker zu schreiben. Er stand im Verdacht, seine Position für private Zwecke missbraucht zu haben. Das war keine der Geschichten, die mein persönliches Interesse erregt hätte. Doch mittlerweile hatte ich den Mann kennengelernt, der sich hinter der Fassade des aalglatten Politikers zu verbergen suchte. Tatsächlich erschien er mir zutiefst menschlich. Er zeigte Unsicherheiten und lachte über sich selbst. Ich fand ihn sympathisch. Mein Auftrag war es, unvoreingenommen zu berichten, was mir aber in diesem Fall ungewöhnlich schwerfiel. Täglich erschienen in den Boulevard-Blättern der Nation neue Anschuldigungen gegen ihn. Er würde sich nicht mehr lange in seinem Amt behaupten können.

So war es eben in unserer Gesellschaft. Wer von den hohen Herrschaften zu Fall kam, bei dem wurde bis zur völligen Vernichtung medial nachgetreten. Genau das war der Grund, warum ich normalerweise keine Reportagen über Personen des öffentlichen Lebens machte. Ich berichtete über Dinge. Über Sachverhalte. Über Hintergründe. Natürlich ist dann und wann auch mal ein bewegendes Schicksal dabei, doch das waren nicht die Aufhänger für die Berichte, die ich schreiben wollte.

„Schatz, ist es okay für dich, wenn ich mich für eine Pause ausklinke?“

Sie drehte sich zu mir und betrachtete mich mit ihren hypnotischen Augen. Unzufriedenheit huschte über ihr Gesicht und verschwand sogleich wieder. Offenbar sah ich elend aus, was mich nicht wunderte, denn dies war nicht gerade meine Paraderolle. Ich tat es nur für sie und das wusste sie genau. Mich stundenlang durch das Gedränge der Menschen zu wühlen und hinter ihr her zu laufen, war nicht meine Sache.

„Geh einen Kaffee trinken, ich komme dich später abholen.“

Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und ließ mich stehen. Ich war erleichtert, dass ich nicht weiter durch die Geschäfte hetzen musste und mich endlich der vor mir liegenden Aufgabe widmen konnte. Die Reportage musste so überarbeitet werden, dass es nicht aussah, als hätte ich, der Journalist, mich von dem Medienprofi blenden lassen. Meine Meinung über ihn war völlig unerheblich. Wenn ich es nicht schaffte, dieser Einflussnahme zu widerstehen, könnte ich Reportagen höherer Güteklasse endgültig abschreiben. Im schlimmsten Fall würde ich demnächst über die neuesten Beauty-OPs der TV-Sternchen berichten oder exklusive Homestorys mit ehemaligen Casting-Show Teilnehmern machen. So weit durfte es nicht kommen. Ich war ein Journalist von Rang und Namen. Zugegeben, in letzter Zeit schwanden sowohl der Rang als auch der gute Name stetig.

Seit ich mit Celine zusammen war, vermied ich das volle Risiko. Früher hatte ich hautnah aus Krisengebieten geschrieben und immer wieder meinen Finger mitten in die Wunde gelegt. Ich ging dahin, wo die Konkurrenz nicht hin wollte. Heute berichtete ich lieber von Zuhause aus und nahm auch Aufträge wie diesen an, die ich früher ohne einen zweiten Blick abgelehnt hätte. Wenn ich früher ein Wolf war, so war ich heute ein müder Schoßhund.

***

Ich fand einen freien Tisch in dem Coffeeshop, in dem ich immer einkehrte, wenn ich in der Stadt war. Seine dunklen Ecken gefielen mir. Dort konnte ich mich immer ungestört meiner Arbeit widmen. Heute war es voller als sonst an Wochentagen. Der Platz in der Ecke war noch frei, weil es nur den einen Sessel gab. Die meisten Gäste kamen in kleinen Gruppen oder waren mindestens zu zweit. Das war mein Glück. Früher oder später würde an einem der Nachbartische ein weiterer Sessel frei werden, den ich mir für Celine sichern konnte. Ich stellte meine Umhängetasche und die Einkäufe auf dem Sessel ab, damit sich niemand anders daraufsetzte, während ich mir mein Getränk holte.

Aus den Lautsprechern, die fast unsichtbar vor den dunkeln Wänden hingen, drang ein entspannter Elektrosound. In der Schlange vor der Holztheke wartete ich, bis ich an der Reihe war, der blonden Schülerin mit Pferdeschwanz meine Bestellung mitzuteilen. Ich orderte wie immer einen simplen Filterkaffee. Meiner Meinung nach durfte Kaffee nicht durch Milch oder Süße verfälscht werden. Wenigstens den Kaffee trank ich noch wie der einsame Wolf von früher. Mein Getränk musste die Blondine nun ausnahmsweise selbst in die Tasse füllen. Die meisten Gäste bestellten komplizierte Kaffeekreationen. Seit Jahren hielt der Boom um Kaffeegetränke mit allen möglichen Geschmacksrichtungen nun schon an. Doch ich hatte dem nie etwas abgewinnen können. Wäre Celine mit mir hier gewesen, hätte sie sicher eines dieser Christmas-Latte-Dinger bestellt.

Mit meiner Tasse, die ich an der Ausgabestation erhielt, ging ich zurück an meinen kleinen Arbeitsplatz. Ich richtete mir den Laptop und die Tasse auf dem Tisch so ein, dass ich den Kaffee nicht über die Tastatur kippen würde. Auf diese Weise hatte ich schon einmal eins meiner kostbaren Arbeitsgeräte zerstört. Minuten später fand ich mich eingetaucht in die Welt, die ich für meinen Bericht in all ihren Farben ausgemalt hatte. Der politische Dschungel lag mir zwar nicht, doch einer musste den Job schließlich machen. Ich konnte die neuesten Entwicklungen, über die der Boulevard berichtete, nicht außer Acht lassen, also flocht ich auch die jüngsten Anschuldigungen in meine Einleitung ein und arbeitete mich anhand der Anmerkungen des Redakteurs durch den zähen Text. Meinen Kaffee trank ich aus, sobald er mir nicht mehr die Lippen verbrannte. Denn ich wusste, wenn ich erst zu tief im Thema steckte, würde er missachtet neben mir abkühlen.

Mein Ehrgefühl verhinderte, dass ich die Reportage einfach hinschmiss. Das Geld war es schon lange nicht mehr, das mich zur Arbeit motivierte. Ich hatte bereits einige Rücklagen gebildet, die es mir eines Tages erlauben sollten, nur noch zu schreiben, wonach mir gerade war. Für viele meiner Krisen-Reportagen hatte ich atemberaubend hohe Gefahrenzuschläge kassiert. Mehrfach hätte ich auch fast mein Leben dabei gelassen. Einem der Fotografen, mit denen ich zu der Zeit gearbeitet hatte, verdankte ich noch heute zwei meiner sieben Leben. Nein, es war nicht das Geld. Es war die Zusage, die ich dem Redakteur gegeben hatte, die mich diesen Artikel zu Ende schreiben ließ.

Nach einer halben Stunde war es so weit. Ich war zufrieden. So zufrieden, wie ich es eben mit dieser Arbeit sein konnte. Wenn ich jetzt nicht auf Senden drückte, würde ich es nie tun. Dreizehn Stunden vor der Abgabefrist landete mein Beitrag im Postfach der Redaktion und ich schloss damit ab. Alles was ich von dieser Arbeit noch sehen würde, war der Zahlungseingang auf meinem Konto. Weder würde ich mir das Magazin kaufen, noch im Wartezimmer einer Arztpraxis darin blättern. Ich lehnte mich in dem Sessel zurück, schloss die Augen und genoss das sanfte Plätschern der Beats aus den Boxen. Das Murmeln der anderen Gäste blendete ich einfach aus.

***

Ein mächtiger Knall durchfuhr das Gebäude. Es klang, als wäre einer der Frachtcontainer am Hafen zu Boden gekracht. Doch dieses Geräusch sollte so weit entfernt kaum hörbar sein. Erst Recht nicht in dieser Lautstärke. Kaum zwei Sekunden später fiel der Strom aus. Das Licht erlosch nach kurzem Flackern, die Beats erstarben und das Geräusch des Milchaufschäumers ebbte ab.

Eine sorgenvolle Stille erfüllte den Raum. Ich spürte, dass eine allgemeine Panik nicht mehr weit war. Schreie auf den Gängen des Einkaufszentrums wurden laut. Wie ferngesteuert klappte ich meinen Laptop zusammen und verstaute ihn in der Tasche. Hinter der Scheibe zum Korridor sah ich, wie Menschen zu den Ausgängen strömten. Auch im Coffeeshop breitete sich langsam der Fluchttrieb aus. Als ich aufstand, rafften sich auch einige andere Besucher auf. Es schien, als hätten sie nur darauf gewartet, dass einer den Anfang machte.

Der nächstgelegene Ausgang des Shopping Centers befand sich eine Etage tiefer. Ohne den Strom mussten die flüchtenden Einkäufer die Stufen der stillstehenden Rolltreppe hinabsteigen. Die ungewohnte Höhe der Stufen erschwerte es jedoch vielen von ihnen. Ältere und Kinder hatten die größten Schwierigkeiten mit der Hürde. Ich konnte sehen, wie sich ein Pulk am Zugang zu den Rolltreppen bildete, doch ich wollte ohnehin nicht in diese Richtung.

Nur noch wenige Menschen kamen aus der Richtung, aus der der Knall gekommen war. Dort gab es weitere Ausgänge. Ihr Instinkt ließ die Menschen den nächstgelegenen Ausgang bevorzugen. Im Freien, so glaubten sie, seien sie sicher. Ich hatte unbewusst in einen Modus geschaltet, den ich bislang nur aus den Krisengebieten von mir kannte. Mein Sichtfeld verengte sich, doch die anderen Sinne waren geschärft. Mit schnellen Schritten bewegte ich mich auf die Geräuschquelle zu. Ich stieg über eine Feuertreppe ins Erdgeschoss. Normalerweise wurde diese Treppe nur von Mitarbeitern benutzt, die sich schnell durch das Gebäude bewegen mussten. Ich erkannte den Eingang nur an der grünen Notbeleuchtung, die über der Tür zum Treppenhaus hing. Hinter mir waren noch immer vereinzelte Schreie zu hören. Je näher ich dem Epizentrum der Katastrophe kam, desto gedämpfter wurden die Geräusche der flüchtenden Menschenmasse.

Hier oben war niemand mehr zu sehen. Wer laufen konnte, war bereits weg. Die Brandschutztür schloss sich hinter mir und verschluckte die letzten Geräusche. Im Erdgeschoss trat ich erneut hinaus in das Gewirr aus Schreien und dem Poltern der Schritte auf der Rolltreppe. Als ich mich dem betroffenen Bereich des Shopping Centers näherte, in dem sich der Vorfall ereignet hatte, sah ich, dass einige Scheiben zu Bruch gegangen waren. Die Detonation hatte ebenfalls Schäden an der Säulenkonstruktion in diesem Flügel verursacht. Ich marschierte weiter in die Zerstörung hinein. Dort waren nicht mehr nur die Schaufenster zerstört, sondern auch die Puppen, die zuvor in ihren festlichen Kleidern darin gestanden hatten. Einigen fehlten sogar ganze Körperteile.

Unter meinen Füßen knirschten Glassplitter und feines Granulat. Die Kügelchen lagen überall verstreut. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte vor einer Stunde unweit von hier ein Stand mit Stofftieren gestanden. Das Granulat musste die Füllmasse gewesen sein. Ich achtete darauf, dass ich auf den feinen Kügelchen nicht ausrutschte. Je weiter ich mich voran wagte, desto mehr schwer identifizierbare Objekte fand ich auf dem Boden. Die Wucht der Explosion hatte einiges bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Viele Kacheln an dem Zierbrunnen waren abgefallen. Ich sah Blutspuren, doch die Verletzten, die sich in diesem Bereich aufgehalten hatten, schienen entkommen zu sein. Ich hatte schon früher Leichen gesehen. Das brachte mein Job nun einmal so mit sich. Anfangs war es schwierig gewesen, doch später ertrug ich es distanziert. Die menschliche Tragödie wurde mir häufig erst klar, während ich anschließend meine Texte schrieb. Zuvor war ich ein neutraler Beobachter und nahm wie ein Schwamm alles auf, was ich sah oder was mir erzählt wurde. Beim Schreiben setzte ich all diese Details zu einem Ganzen zusammen und bildete mir eine Meinung, so wie ich es auch von meinen Lesern erwartete. An diesem Tag traf mich der Anblick der Leiche völlig unvorbereitet. Der Körper eines Mannes lag in einer großen Blutlache. Ein Splitter oder ein herumfliegendes Teil musste ihn so unglücklich getroffen haben, dass er verblutet war. Ich trat nicht näher heran. Für ihn kam ohnehin jede Hilfe zu spät.

Ein Wimmern aus einem Laden zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Wenn ich nur einem Menschen helfen konnte, hatte sich mein Einsatz schon gelohnt, fand ich. Vorsichtig betrat ich das Geschäft. Dem leisen Klagelaut folgten der vernehmliche Schrei eines Babys und ein Schluchzen. Ich fand mich in den Ruinen eines Bekleidungsgeschäfts wieder. Der gläserne Eingangsbereich glich einem Trümmerfeld aus Glas und Müll. Den weiteren Weg hinein musste ich mir durch umgefallene Kleiderständer frei schieben. Einen davon hob ich mühsam vom Boden auf, weil er mir den Weg versperrte. Behängt mit den Kleidungsstücken wäre das sicher ein Kraftakt gewesen, doch die meisten Bügel waren bereits mitsamt den Shirts zu Boden gefallen. So hingen am Ständer nur noch vereinzelte Stücke und ich konnte ihn fast mühelos aufstellen. Ich stieg über die am Boden liegenden Kleider. Mögliche Flecken auf den Kleidern waren sicher im Moment die geringste Sorge der Geschäftsführung. Endlich erreichte ich die Umkleidekabinen, die in diesem Geschäft massive Wände hatten und mit richtigen Türen ausgestattet waren. Das musste wohl das Glück der Personen gewesen sein, die sich darin aufhielten. Aus der Ferne hörte ich Sirenen heulen. Ich klopfte an die geschlossene Tür und das Schluchzen erstarb.

„Ich werde jetzt die Tür öffnen, in Ordnung?“

Das Wimmern setzte wieder ein und ich tat, was ich angekündigt hatte. Eine Frau mit einem Baby auf dem Arm stand völlig paralysiert in der Kabine und zitterte. Fieberhaft überlegte ich, wohin ich sie bringen konnte, ohne dass sie über den Toten vor dem Eingang stolperte. Denn ich bezweifelte, dass sie das in ihrer momentanen Verfassung verkraften würde. Weil ich zuvor nie in diesem Laden gewesen war, konnte ich nur hoffen, dass er über einen zweiten Ausgang verfügte, der direkt ins Freie führte.

„Warten Sie einen Augenblick hier!“

Ich scannte den Raum und registrierte, dass es hinter den Kabinen noch weiter ging. Das Geschäft hatte die Umkleiden gar nicht an der Rückseite, sondern in der Mitte positioniert. Ein breiter Gang führte an den Kabinen vorbei. Auf der anderen Seite war der Raum durch die Kassentheke verengt. Die Angestellten hatten aber ebenso wie die Kunden die Flucht ergriffen. Zum Glück fand ich an der Glaswand im hinteren Teil des Ladens tatsächlich einen unverschlossenen Ausgang. Ich kehrte zurück zu der Frau, die das Kind viel zu fest an sich presste. Sanft redete ich auf sie ein, um sie zu animieren, mir zu folgen. Sie war kaum ansprechbar und brauchte offenbar dringend medizinische Betreuung. Soweit ich sehen konnte, waren das Kind und sie körperlich unversehrt.

„Kommen Sie, ich bringe Sie hier raus!“

Ich legte den Arm schützend um ihre Schulter und schob sie voran. Schritt für Schritt näherten wir uns der Tür. Mit jedem wurde es ein bisschen leichter, sie dazu zu motivieren, voranzugehen. Ich schob die Tür auf und sie nach draußen. Die frische Luft hauchte ihren fahlen Zügen neues Leben ein. Sie hatte überlebt. Ich fragte mich, wie viele Menschen das nicht mehr von sich behaupten konnten.

***