Die Wahrheit liegt irgendwo … dahinten und weint

Montags gibt es Mohnschnecken

Wie an jedem Montag in den vergangenen drei Monaten bringe ich auch heute drei Mohnschnecken mit zur Arbeit. Seit ich ausgelernt habe, sitze auf meiner neuen Stelle in der Beschaffung und organisiere dort für meinen Chef seinen Tag. Jeden Tag. Das ist okay, aber nicht unbedingt die Erfüllung meines großen Traums. Die meisten meiner Kollegen sind nett und das ist mehr als ich von meiner letzten Stelle behaupten konnte. Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen.

Wisst ihr, eigentlich mag ich keine Mohnschnecken. Aber Thorben mag sie. Und ich mag Thorben. Davon hat er natürlich keine Ahnung.

Ich weiß, Thorben ist ein ätzender Name, aber so heißt er nun einmal. Und er kann ja nichts dafür, dass seine Eltern ihn so genannt haben. Genauso wenig wie ich dafür kann, dass ich Lina heiße. Lina Pietsch, was für ein gewöhnlicher Name für ein gewöhnliches Mädchen. Aber genau das bin ich. Vollkommen durchschnittlich. Ein paar Kilo mehr als gut aussehen würde. Durchschnittliche dunkelblonde Haare in einer durchschnittlichen Länge. Mit einem durchschnittlichen Job, der mir immer nur ein durchschnittliches Einkommen einbringen wird. Aber für Mohnschnecken am Montag reicht es immerhin.

Stolz erzähle ich meinem liebsten Kollegen Rainer, der immer mit Thorben in mein Büro kommt, die Geschichte meines morgendlichen Bäckereibesuches:

„Sie sagt zu mir: Das Buchweizen-Hirse-Brot ist heute im Angebot. Darauf dann ich: Da bleibt es auch. Ich nehme drei Mohnschnecken. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen.“ Rainer lacht. Das ist so unser Ding. Wir erzählen uns lustige Geschichten aus unserem Leben.

Nur dass meine so nie passiert ist. So schlagfertig bin ich nicht.

Eigentlich war es ganz anders. Die Verkäuferin sagte wirklich etwas von dem Angebotsbrot, aber ich stand stumm vor der Theke und streichelte meinen Bauch. Der ist sowieso schon viel zu dick und ich weiß, ich sollte keine Mohnschnecken essen. Wie gesagt, ich mag die Dinger nicht einmal besonders gerne.

Dann denke ich an Thorben und daran, dass er jeden Montag in mein Büro kommt, um mit mir Mohnschnecken zu frühstücken. Jedes Mal habe ich Angst davor, dass mir eins dieser schwarzen Körner zwischen den Zähnen kleben bleiben könnte und dass ich mich damit zum Gespött der Abteilung mache.

Unschlüssig stehe ich vor dieser Theke und grüble immer noch, als die Verkäuferin sagt „Ach, heute ist ja Montag“ und mir die drei Mohnschnecken in eine Tüte packt.

Ja, heute ist Montag. Und ich habe kein Wort gesagt.

Buchweizen-Hirse-Brot zu kaufen, würde ich nie wagen. Wegen Brot käme er nicht zu mir. Und alle würden denken „Jetzt macht die Dicke Diät!“. Auf keinen Fall. Natürlich wäre ich gerne schlank und schön. Aber ich will nicht die sein, die sich abmüht. Die Leute reden sowieso schon genug. Ich will ihnen nicht noch mehr Futter geben.

Also spiele ich die stolze Dicke. Nicht nur stolz auf meinen Umfang, sondern auch auf mein spannendes Leben,  in dem sowieso viel cooleres Zeug passiert als bei denen. Deshalb erzähle ich die Geschichte vom Bäcker eben so, wie sie hätte passieren sollen.

Unter den wachsamen Augen von Rainer und meinem Thorben reiße ich den Beutel auf und lasse mich für meine Schlagfertigkeit feiern.

„Ja, so ist sie, unsere Lina!“

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