Was passiert, wenn wir uns nicht mit der Hauptfigur identifizieren können oder wollen?

Ein spannendes Thema, auf das ich unter anderem wegen dieses Beitrags [Rezension] M.C. Beaton – Agatha Raisin und der tote Richter zu sprechen kommen möchte, sind Hauptfiguren.

Es ist – sagen wir mal – üblich, dass Bücher Hauptfiguren haben, die wir toll finden können, während wir lesen. Viele von ihnen sind überdurchschnittlich schön, begehrenswert, klug und und und … und haben von alledem keine Ahnung, was sie nun zusätzlich häufig auch noch sympathisch macht. Vielleicht verleiht der Autor der Figur dankenswerterweise noch die eine oder andere Macke, damit wir uns nicht übermäßig minderwertig vorkommen, aber im Grunde wären wir gern (ein bisschen) wie diese Figuren.

Manche Autoren geben ihrer Hauptfigur mehr Macken. Manchmal bekommen wir es mit einem waschechten Versager in der Hauptrolle zu tun. Mit dem Versager oder einem makellastigen Charakter möchten wir uns nicht gerne identifizieren. Welche Gründe könnten wir Leser haben, ein Buch mit einer solchen Figur trotzdem zu lesen?


Wie ist es normalerweise in den Bestsellern und in Hollywood?

Der Held in seiner strahlenden Schönheit und überlegenen Intelligenz ist für uns eine Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen (Eskapismus). Es ist eine tolle Sache, wenn wir in seine Haut schlüpfen und tapfer Abenteuer bestehen, den Schwertkampf gegen den Antagonisten meistern und am Ende das Herz der Prinzessin gewinnen. Oder wenn wir das schüchterne Mädchen sein dürfen, dessen Schönheit sich erst auf den zweiten Blick erschließt, das dann vom tollsten Typen der Schule umworben wird und schließlich nach einigem Auf und Ab in seinen Armen landet und zur Ballkönigin gewählt wird.

Genau das ist Hollywood. Die Traumfabrik baut solche Geschichten für uns in Serie!

Der Antiheld besticht uns gerade durch seine Schwäche. Nehmen wir mal Neville Longbottom aus Harry Potter. Er ist mollig, hat wenig Talent zum Zaubern, wird gemobbt und ihm passieren immer die blödesten Missgeschicke. Aber er ist unheimlich tapfer und er gibt alles für seine Freunde – ein echter Gryffindor eben. Wir mögen ihn. Er hat es schwer und wir möchten ihn gern beschützen. Aber wir möchten nicht in seiner Haut stecken. Vielleicht wissen wir nur zu gut, wie es ist, wie er zu sein. Vielleicht wurden auch wir in der Schule gehänselt oder sind/waren mal übergewichtig… Daran möchte sich ja niemand gern erinnert fühlen. Außerdem ist es bei Neville lange nicht so spannend wie bei einem richtigen Helden. Neville ist meist eher passiv und steht am Rand. Harry hingegen ist der Star des Quidditch-Teams, talentierter Zauberer (naja), umschwärmte Legende (manchmal). Vor allem aber ist Harry derjenige, die immer wieder die Welt rettet, weil er sich dazu berufen fühlt. Ein bisschen Antiheld steckt aber auch in Harry – schwere Kindheit; Narbe im Gesicht; kein Schönling; muss lernen, um sich zu verbessern.

Eine gute Hauptfigur vereint in sich entweder Elemente aus beiden Welten oder wir begleiten eine Gruppe, in der beides vertreten ist.

Mit einem reinen Antihelden in der Hauptrolle wird die Story nicht durch ihn vorangetrieben. Spätestens nach der zweiten Katastrophe sollte unsere Hauptfigur die Zügel in die Hand nehmen und aktiv einer Lösung entgegenstreben. Ein klassischer Antiheld tut das eher nicht, er wird als Hauptfigur versagen. Dieses Konzept wird eher selten in der Literatur oder im Film verwendet. Die meisten Leser/Zuschauer mögen das Happy-End und das ist mit einem Antihelden als Protagonisten im Grunde nicht möglich.

Antihelden begegnen uns daher wie Neville meist in der Rolle der Nebenfigur

So viel also zu der gängigen Norm, was aber wenn eine Figur mal ganz anders ist?

Wir brechen mit den Konventionen, wenn unsere Hauptfigur nicht des Lesers Herz gewinnt. Damit gehen wir ein Risiko ein – wie immer, wenn wir von der Norm abweichen. Wir verlieren Leser. Ist das schlimm? Nicht unbedingt, aber es sollte uns von vorn herein klar sein.

(Ich habe es selbst schon getan und es führt nicht unbedingt zu wirtschaftlichem Erfolg – macht aber auch mal Spaß. Darum soll es aber gar nicht gehen.)

Für jeden Leser könnte es hier andere No-Gos geben (weiter unten nenne ich noch ein paar von mir). Ich bleibe hier zunächst bei den bisher diskutierten Makeln von Agatha Raisin.

Wenn die Hauptfigur im Roman eine egozentrische Ziege ist, ständig etwas an sich (körperlich) und anderen (charakterlich) auszusetzen hat, dem Nachbarn wie ein Teenager hinterher sabbert, bei lächerlichen Dorf-Wettbewerben lieber betrügt, als sich mal ein bisschen anzustrengen, betrunken Auto fährt, …

Was passiert dann mit uns?

Naturgemäß finden wir diese Person beim Lesen weniger sympathisch. Wir möchten absolut nicht mit ihr tauschen. Sie nervt uns auch ein wenig – vielleicht sogar sehr. Wenn diese Figur in Gefahr gerät, sind wir möglicherweise weniger mitfühlend und bangen weniger um ihr Leben/Wohlergehen. Wenn sie sich verliebt, sind wir weniger daran interessiert, ob sie bekommt, was sie möchte.

Kurz: Wir sind emotional distanziert.

In der emotionalen Distanz bekommen wir nicht das gewohnte Hollywood-Feeling, das uns vielleicht zu dem Buch hat greifen lassen. Wenn das unser Motiv war, sind wir vermutlich enttäuscht. Der Klappentext hätte uns davor warnen müssen, denn er und das Cover sind dafür verantwortlich, uns das Buch zuzuspielen, das für uns geeignet ist.

Manch einer mag also an dieser Stelle das Buch abbrechen und sagen:

„Nein das Buch ist nichts für mich. Ich kann mich mit der Figur nicht identifizieren.“

Daran ist absolut nicht falsch oder verwerflich. Wer gerne liest, um dem oben genannten Eskapismus zu frönen, ist mit diesem Buch schlichtweg nicht gut bedient. Wenn man annimmt, meine Facebook-Timeline gäbe mir eine repräsentative Meinung der deutschen Leser (tut sie wegen der Selbstselektion natürlich nie), so dürfte man auch meinen, dass die meisten Leser das Buch abbrechen.

(Warum) Lesen einige trotzdem weiter?

Es muss sie geben – die Leser, die dranbleiben. Immerhin verkauft sich M.C. Beatons Agatha Reihe Reihe trotz dieses „Makels“. Natürlich können wir an der Stelle wieder zu den persönlichen No-Gos kommen und sagen:

„Naja, vielleicht finden die Leser es nicht so schlimm, dass die Person so ist.“

Ich sage: Doch, sie nervt mich! Agatha wäre definitiv (zumindest im ersten Band) keine Freundin von mir. Und sie nervt auch andere Leser, trotzdem kauften wir auch Band 2… was ist los mit uns?

Für mich persönlich kann ich klar unterscheiden, wann ich ein Buch abbreche, weil mir die Hauptfigur unsympathisch ist und wann ich trotzdem weiterlese:

Ich gehöre allgemein – wie in einem anderen Beitrag schon einmal erwähnt – nicht zu den Menschen, die sich stark mit den Figuren identifizieren. Deshalb stört es mich in der Regel auch weniger, wenn die Hauptfigur Dinge tut, die ich blöd finde – so lange sie nicht die komplette Story dominieren. Ich erinnere mich an „Schwarzes Netz“ von Val McDermid, das ich wegen der Alkoholsucht der Hauptfigur, die ellenlang im Vordergrund zu stehen schien, fast schon abgeschrieben hatte (ich habe es neulich wieder aufgenommen und das Thema legt sich zum Glück). Oder die weibliche Hauptrolle in „Thoughtless“, die sich derartig in eine Dreiecksgeschichte hineinmanövriert, dass ich nur irritiert den Kopf schütteln konnte. Leider handelt eben jenes Buch genau von dieser Dreiecksgeschichte, mit der ich dann eben wirklich nichts anfangen kann.

Auch bei M.C. Beaton war ich nach 60-70 Seiten kurz davor, die Hauptfigur und ihre Egozentrik in den Wind zu schießen. Aber dann zog die Story an und die Figur begann sich zu verändern – das finde ich dann immer sehr spannend zu beobachten. Ihre Macken tauchen in den Büchern immer wieder auf, aber die meisten davon erkennt sie und beginnt, daran zu arbeiten. Ich bin gespannt, ob sie auch irgendwann mal aufhört, ständig Gin Tonic zu trinken und sich danach hinters Steuer zu setzen – das macht mich nämlich rasend, weil ich es so unglaublich dumm finde. Verzeih mir die Moralpredigt, aber solche Leute haben auf den Straßen nichts verloren. Sie töten Menschen und zerstören Leben. Das regt mich auf! Selbstzerstörerisches Verhalten ist das eine, das ich vielleicht doof finde, aber andere (unschuldige) Menschen da mit hineinzuziehen (weil man sie z.B. besoffen am Zebrastreifen übersieht) geht halt in meiner Moralwelt gar nicht.

Okay, genug von diesem Aspekt, sonst komme ich zu sehr vom Thema ab.

Wenn ich also Entwicklung spüren kann oder die Story einen anderen Fokus bekommt, lese ich weiter. Ist der Charakter oder der spezifische charakterliche Fehler allerdings das Thema des Buches, breche ich ab.

Noch ein Beispiel für ein Buch, mit dem ich gar nicht erst beginne, weil ich ahne, dass ich abbrechen müsste:

50 Shades of Grey – das graue Mäuschen, das sich von Geld und Attraktivität derart blenden lässt, dass es sich selbst erniedrigt, um zu gefallen. Es verwechselt Sex und Dominanz mit Liebe und das war im Grunde schon die ganze Geschichte… Echt nicht meine Story.

Ich suche also schon im Klappentext einschlägiger Genre nach „Triggern“ für einen Abbruch. Wenn ich schon Romance oder Erotik lese, dann bitte mit Figuren, mit denen ich mich identifizieren kann und möchte. Ich möchte Figuren, die einander auf Augenhöhe begegnen, was Sexualpraktiken á la Shades of Grey nicht zwingend ausschließen muss, schließlich handelt es sich eigentlich dabei um eine Form des Rollenspiels.

Es gibt natürlich noch mehr Fälle, in denen ich ein Buch abbrechen würde, aber dann sind nicht die Hauptfiguren daran schuld.

Jetzt bist du dran!

Hast du schon einmal ein Buch weitergelesen, obwohl du die Hauptfigur unsympathisch fandest? Wenn ja, aus welchem Grund?

 

19 Gedanken zu “Was passiert, wenn wir uns nicht mit der Hauptfigur identifizieren können oder wollen?

  1. mikakrueger schreibt:

    Ich finde, das ist ein sehr komplexes Thema und hängt vom persönlichen Geschmack ab oder davon, wie die Story gemacht ist. Angenommen der Autor möchte eine Story schreiben, in der nur die Figur und ihr Handeln von Bedeutung ist, wenn diese Hauptperson nervig/unverständlich ist, bricht man unweigerlich ab. Tut sich ja niemand freiwillig an. Es gibt jedoch genügend Beispiele dafür, dass auch ein launischer Prota erfolgreich sein kann (Sherlock Holmes). Ich denke, wie du, weil der Fokus dann auf einem anderen Element liegt. Zum Beispiel auf der Ermittlung oder auf der Gesellschaftstruktur. Meistens ist dann gerade der Unterschied der Figur zu uns selbst die Faszination.

    +Mika+

    Gefällt 2 Personen

    • erinjsteen schreibt:

      Genau, wenn die Story sich nicht im wesentlichen um den Charakter dreht, sondern wie in Sherlocks Fall auf einer kriminalistischen Ermittlung, lese ich gern weiter. In Krimis ist es mir allgemein schon häufiger aufgefallen, dass die Hauptfiguren nicht besonders sympathisch waren.

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    • erinjsteen schreibt:

      Es führt aber trotzdem dazu, dass ich dem Ermittler emotional nicht folge. Wenn er verletzt wird, ist mir das ziemlich egal; Hauptsache jemand löst das Rätsel! Denn das Rätsel ist in dem Krimi dann tatsächlich mein Hauptfokus. Natürlich gibt es auch Krimis mit sympathischen Figuren, bei denen ich meinen Ermittler beschützen möchte… im Grunde gibt es nichts, was es nicht gibt 😂

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  2. Vanessa Glau schreibt:

    Wenn du das Thema auf Romanzen beschränkst, stimme ich zu – sowohl Protagonist als auch love interest sollten den Leser auf irgendeine Art und Weise ansprechen, damit er sich wünscht, dass sie zusammenkommen.

    Wenn die Romantik nicht im Mittelpunkt steht, halte ich es jedoch nicht für unbedingt nötig. Hast du mal Das Bildnis des Dorian Gray gelesen? Ich glaube, da ist es so, dass man sich höchstens am Anfang mit Dorian identifiziert, aber die Faszination liegt eher in seiner Charakterentwicklung und was sein Festhalten an seinem schönen Gesicht für ihn und seine Umgebung bedeutet. Am Ende ist er definitiv keine liebenswerte Figur mehr. (Ist schon eine Weile her, dass ich es gelesen hab, aber so ungefähr war es doch, oder?)

    Ein weiteres ungewöhnliches Beispiel wäre der Manga (und Anime) Death Note. Genau genommen ist der Protagonist Light der „Bösewicht“, er ist kalt, berechnend und geht über Leichen. Sein Gegenspieler L ist der „Held“, der auf der Seite des Gesetzes steht und versucht, den Prota als Serienmörder festzunehmen. Die Geschichte ist (meiner Meinung nach) trotzdem spannend, weil Light das Falsche aus den richtigen Gründen tut – er will die Welt von schlechten Menschen säubern und bringt daher (anfangs) nur Mörder und Verbrecher um.

    Ich könnte noch mehr darüber sagen und wahrscheinlich ist diese Grauzone zwischen moralisch gutem und verwerflichem Verhalten nicht ganz das, was du mit deinem Beitrag gemeint hast (ups)? Aber gerade diese Protagonisten sind oft die spannendsten, die (zumindest mir) lange im Gedächtnis bleiben.

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    • erinjsteen schreibt:

      Nein, tatsächlich habe ich nicht diese Grauzone gemeint. Eine Hauptfigur kann durchaus böse Züge haben oder das falsche aus den richtigen Gründen tun oder oder… Ich finde es toll, dass du auch zu denjenigen gehörst, die gerne Bücher lesen, auch wenn du dich nicht identifizieren kannst. Auf Facebook gewinne ich immer wieder den Eindruck, dass es sich bei fehlender Identifikation um eine Art K.O.-Kriterium handelt. Ich mag es auch gern. Mein Lieblingsbeispiel ist bei den Klassikern Schuld und Sühne – man möchte nicht die Hauptfigur sein, aber die Charakterstudie ist so spannend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
      Nicht nur in Romance sondern auch im Fantasy-Bereich scheint Identifikation unheimlich wichtig zu sein. Sogar bei Thrillern, wo du Spannung über das Schicksal der Figur aufbaust musst du dir dessen sehr bewusst sein. „Das Spiel“ von Laymon hat für mich funktioniert, weil ich die Person sympathisch fand, obwohl sie sich auf dieses blöde Spiel eingelassen hat.

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      • Vanessa Glau schreibt:

        Natürlich hat jeder persönliche Vorlieben … manche können bestimmten Themen nun mal nichts abgewinnen (so geht es mir mit Schuld und Sühne, aber vielleicht ist das auch der Schreibstil).

        Und ja, bei Fantasy ist das auf jeden Fall ein großes Thema. In letzter Zeit scheinen Autoren verstärkt zu versuchen, ihre Helden (etwas mehr) moralisch zerrissen zu machen, aber richtig viel Unterschied macht das meiner Meinung nach meistens nicht. Dann gibt es auch diejenigen, die wie George Martin zwar zentrale Figuren, aber keine Protagonisten im traditionellen Sinne haben. Und die Ausnahmen zwischendrin … die mich üblicherweise am meisten ansprechen (zB Teil eins von Brandon Sandersons Mistborn-Trilogie). Gerade fällt mir auch Tobias‘ Meißners Hiobs Spiel ein – komplett abgefahren und mit nichts zu vergleichen.

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      • erinjsteen schreibt:

        Ich mag die düsteren Figuren – die Getriebenen. Ich kann den privilegierten Helden nichts abgewinnen. Bei Peter v. Brett ist der tätowierte Mann ein düsterer Held, dem ich unheimlich gern folge.

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  3. Alexandra Wendt schreibt:

    Hast du schon mal „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin gelesen? Ich selbst nicht, habe aber in Rezensionen erfahren, dass dieser postmoderne Roman durchweg aus der Sicht eines Antihelden geschrieben ist, der keine (echte) Entwicklung durchmacht. Dennoch soll das Buch äußerst lesenswert sein.
    Ich denke, dass manche Werke auch unabhängig von ihren Protagonisten lesenswert sind, weil sie Umstände schildern, die mitreißen. Das ist nicht das, was man eben Mal zum Vergnügen liest, aber auch äußerst spannend.
    Letztlich kommt es vielleicht auch immer auf das an, was man erzählen will, und je nachdem fällt die Entscheidung der Charakterdarstellung.

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  4. E.S. Schmidt schreibt:

    Ich denke, es kommt nicht auf Sympathie an, sondern auf Nachvollziehbarkeit. Wenn ich nachvollziehen kann, dass jemand so und so handelt (etwa wegen seiner Vergangenheit), dann kann ich mich auch identifizieren. Auch wenn ich eine andere Vergangenheit habe. Beispiel: Dexter.
    Das andere ist Genialität. Nein, man liebt Holmes nicht wegen der KrimiHandlung, sondern wegen diesem verschrobenen, kalten aber völlig genialen Charakter. Für die „Wärme“ ist Watson zuständig. Andere Beispiele: Hannibal Lecter, Loki, Spock, Jason Bourne.
    Berlin Alexanderplatz ist mE was anderes. Das ist Gesellschaftskritik, und die Figur ist nur Mittel zum Zweck.
    Dorian Grey ist im Grunde die Geschichte des Antagonisten – und am Ende freuen wir uns über sein Scheitern. Also auch ein Happyend. 😉

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    • erinjsteen schreibt:

      Auch eine spannende Sichtweise. Dennoch ist ein Charakter wie Dexter nicht unbedingt für die Form von Realitätsflucht geeignet, die vielen Lesern vorschwebt. Als TV Serie funktioniert das Konzept gut, aber, ob es in schriftlicher Form auch so ein Erfolg gewesen wäre, möchte ich bezweifeln. Für mich ist Holmes tatsächlich wegen der genialen Lösung seiner Fälle interessant, der Charakter ist für mich nebensächlich. Watson empfinde ich auch weniger als warm denn als denjenigen, der für etwas Bodenhaftung sorgt. Nachvollziehbarkeit ist ohne Zweifel sehr wichtig, aber das allein kann bei mir noch nicht für Identifikation sorgen. Ich brauche zusätzlich noch Mitgefühl und Sympathie für die Person.

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  5. Elke Schneefuß schreibt:

    Interessantes Thema! Weil ich keine der Hauptpersonen wirklich sympathisch finden konnte, hatte ich gerade mit T.C. Boyle „Die Terranauten“ sehr zu kämpfen. Ich habe durchgehalten, weil ausreichend Spannung durch Katastrophen entstand: eine ungewollte Schwangerschaft, ein großer Stromausfall, zerstörerische Liebschaften, Hunger…ich wollte wissen, ob eine kleine Gruppe Menschen, abgeschlossen von der Außenwelt, das überstehen kann. Letztlich geht es dabei um die Besiedlung fremder Planeten, also ein bisschen Science Fiction verbunden mit Der drohenden Apokalypse auf unserer Erde.So oder so, mühsam wars. Nicht mein Lieblingsbuch…

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    • erinjsteen schreibt:

      Ich schiebe die Terranauten noch vor mir her. Ich liebe wie Boyle schreibt, aber seine Personen wecken in mir nie Gefühle von Sympathie. Wahrscheinlich ist das auch nicht seine Absicht. Dafür sind seine Geschichten moralisch zu offen. Ich glaube, er möchte, dass wir uns beim Lesen mit seinem Thema auseinandersetzen und versuchen uns eine eigene Meinung zu bilden. So habe ich ihn bislang jedenfalls immer wahrgenommen.

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    • erinjsteen schreibt:

      Ja, zu viel Klischee geht gar nicht, wenn es nicht irgendwo einen richtigen Bruch mit dem Klischee gibt. Aber ob das Buch teuer war oder nicht ist mir völlig egal. meine Zeit kostet schließlich für jedes Buch das gleiche und die ist mir heilig!

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  6. Wortlichter schreibt:

    Ich mag eigentlich Charaktere mit denen man sich nicht gut identifizieren kann, weil sie neue Erfahrungsräume öffnen. Wir können durch Sie Sichtweisen oder Denkweisen und Abenteuer erleben, die sehr fern von unserer eigenen Lebenswirklichkeit liegen.
    ich finde es immer blöd, wenn Leute meckern, weil der Hauptcharakter unsympathisch ist. Ja, dass ist sicher bei vielen Büchern auch die Absicht der Autoren. Denn es geht ja in der Literatur nicht nur um Unterhaltung. 🙂 Ich finde ein Buch wird dann erst richtig interessant, wenn es mehr bietet als das.

    Lg, Anja

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    • erinjsteen schreibt:

      Sehr gut gesagt! Ich habe bei meinem Erstling auch absichtlich keine Identifikationsfigur geschaffen. Ich wollte eine Sicht von draußen auf das Geschehen haben, obwohl ich es in der ersten Person geschrieben habe. Das ist natürlich recht ungewöhnlich, aber wenn man immer nur das gewöhnliche tut, erreicht man kein ungewöhnliches Ergebnis.

      Gefällt 1 Person

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