Die Wahl der Zeitform

Heute in aller Kürze, weil wir ja alle eigentlich keine Zeit haben.

Wie flexibel bist du bei der Wahl deiner Zeitform?

Ich hatte mir vorgenommen #Höhlenstaub im Präsens zu schreiben. Modern und passend für eine fortlaufend erzählte Geschichte, wie mitten aus dem Leben – dachte ich.

Ich schrieb am Freitag meinen ersten Satz, dann direkt die ersten 200/300 Wörter und stellte fest – überall Präteritum! Das ist meine vollkommen natürliche Zeitform. Natürlich kann ich all die anderen auch. Ich bin ein „Grammar-Nazi“ und ich beherrsche Futur Perfekt, frag all meine Kollegen bzw. meinen Chef, denn „Ich werde die Aufgabe zum Wochenende erledigt haben, Chef.“ – sprich, „Ich habe noch nicht angefangen und im Grunde auch wirklich keine Lust dazu, aber ich muss ja!“!

Ganz vage erinnere ich mich, dass ich schon mal etwas im Präsens schreiben wollte… Grammatik ist etwas, das bei mir aus irgendeiner Quelle unter der Oberfläche gespeist wird. Ich habe keine Ahnung, woher es kommt, aber es ist da. Vielleicht waren die 20 Jahre deutsches Bildungssystem nicht ganz umsonst. Das hab ich „im Gefühl“, um an dieser Stelle Loriot zu zitieren.

So schreibe ich auch – erstmal, ohne mir Gedanken zu machen. Im Nachhinein frage ich mich manchmal „Schreibt man das wirklich so?“ oder „Kommt da wirklich ein Komma hin?“. So schrieb ich auch meine ersten Sätze im neuen Projekt – ohne nachzudenken. Nun steht da aber alles im Präteritum. Ich habe eine kleine Umfrage in meiner Facebook-Schreibgruppe gestartet und stellte fest, dass obwohl Präsens ja so im Trend ist und jugendlich klingt, bei meinen Kolleginnen auch nicht gut ankommt. Wenn sie im Präsens geschrieben haben, dann nur in einem Projekt und unter Protest ihrer Synapsen.

Präteritum ist klassisch – veraltet, habe ich neulich gelesen. Die Zukunft schreibt im Präsens… Schreibt die Zukunft nun ohne mich, wenn ich beim Präteritum bleibe? Ich mag alte Sachen. Ich benutze auch verlorene Worte – nicht nur schriftlich. Nein, ich sage auch „Schabernack“ und schrieb neulich „schäkern“ – die deutsche Sprache hat so viele tolle verlorene Worte zu bieten, die ich gerne nutze. Und am liebsten schreibe ich sie beim Geschichtenerzählen im Präteritum oder ebenfalls heiß von mir geliebt im Perfekt. Beim Perfekt muss ich mich regelmäßig bremsen, weil es sich umständlich liest und man ständig Hilfsverben braucht. Dennoch ist es häufig absolut angebracht.

Hast du Lieblingszeitformen? Wie erzählst du deine Geschichten? Möchtest du flexibler werden? Oder bleibst du lieber in deiner Wohlfühl-Zeit?

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14 Gedanken zu “Die Wahl der Zeitform

  1. minicela schreibt:

    Nur doof wenn man etwas schreibt, was schon passiert ist.
    Ich schreibe aus der Sicht meiner Prota, die dem Leser erzählt was ihr vor 10 Jahren passiert war. oO Da kann ich schlecht Präsens für nehmen.

    Gott, ich schreib heut wieder 1a x.x
    Gruß
    Cela

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  2. simonsegur schreibt:

    Je nachdem. Präsens finde ich oft langweilig – aus dem von minicela genannten Grund: Man ist arg eingeschränkt, kann nur aus der Gegenwartsperspektive schreiben. Vielleicht bin ich aber auch nur altmodisch 🙂
    Jetzt mal ne blöde Frage: Dass Du „Präsens“ durchgängig mit „z“ schreibst, hat das einen inneren Grund? Oder ist das nur eins jener Wort, das man solange falsch geschrieben hat ohne dass man’s merkt? 🙂
    Liebe Grüße!

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  3. Vanessa Glau schreibt:

    Wie einer meiner Profs mal sagte: „Ich lustwandelte im wohlfeilen Garten.“ 😉

    Im Ernst, ich glaube, über die Frage kann man ewig diskutieren. Manche schreiben wunderbare Bücher im Präsens (vielleicht ist das im Englischen auch weiter verbreitet), manche lassen das Präteritum unglaublich gegenwärtig erscheinen. Ich selbst habe schon öfter im Präsens geschrieben, weil ich die Unmittelbarkeit mag, die dadurch entsteht. Fantasy würde ich aber immer im Präteritum schreiben, weil es sich dafür besser geeignet anfühlt. Man muss ja nicht gleich mit allen Genrekonventionen brechen …

    Noch etwas. Du bist ein Grammar-Nazi? Dann schreib die Zeitform Präsens bitte nicht mit z! Ich gestehe, das hat mir jedes Mal in den Augen wehgetan.

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    • erinjsteen schreibt:

      Grammatik und Rechtschreibung haben ja nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Ich ändere es aber sobald ich wieder am Rechner bin… ich will ja nicht, dass die die Augen wehtun. Aber zu meiner Verteidigung- das Wort gibt’s halt auch und würde von meinem Kopf daher als richtig freigegeben…

      Gefällt 1 Person

      • Vanessa Glau schreibt:

        Mein Gedanke war, dass jemand, dem Grammatik wichtig ist, auch gerne auf Rechtschreibung achtet. Bei Präsenz fügt mein Gehirn aus irgendeinem Grund ständig ein -unterricht an, das passt für deinen Artikel ja gar nicht. 😉

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      • erinjsteen schreibt:

        Du hast Recht, meine Liebe. Ich hätte es auch schon nach Simons Hinweis korrigiert, aber ich war gestern Abend so müde. Mich plagen seit ein paar Tagen ständig Kopfschmerzen, aber das ist jetzt keine Ausrede für den Schreibfehler… es war reine Gewohnheit, weil ich das andere Wort häufiger verwende.

        Gefällt 3 Personen

  4. minicela schreibt:

    Nun ja man wusste ja was gemeint war.^^
    Und ich bin auch der Meinung, dass im Fantasybereich Präteritum einfach besser ist. 😀
    Ich habe mal eine Kurzgeschichte im Präsens geschrieben, aber auch nur, weil diese in der Gegenwart spielte.

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  5. michaelaschreibt schreibt:

    Bislang habe ich selbst immer im Präteritum geschrieben. Das ist wohl auch bei mir ein Überbleibsel unserer Schulbildung. 🙂 Bücher, die im Präsens geschrieben sind, finde ich auf den ersten Seiten immer irgendwie merkwürdig zu lesen – vielleicht auch nur ungewohnt. Irgendwann nach ein paar Seiten gibt sich das meistens, aber Präteritum ist mir bei Prosa doch einfach vertrauter. Viele Grüße!

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  6. margauxnavara schreibt:

    Ich habe bisher alle Romane im Präteritum geschrieben, probiere es allerdings gerade mit einer Präsens-Variante, die dann auch in der 1. Person geschrieben wird, von mehreren Protagonisten.
    Noch bin ich nicht hundertprozentig zufrieden mit meiner Wahl, aber gerade in der Erotik ist ein Ich-Erzähler schon passend, man fühlt viel mehr mit, fühlt sich auch schneller hineingezogen. Trotzdem bin ich noch nicht sicher. Es lesen ja auch Männer meine Bücher. Was sagen die dazu, wenn sie sich im Kopf von Frauen befinden?
    Und dann passiert mir zwischendrin das Gleiche wie Dir: Kurz nicht aufgepasst, und schon steht alles wieder im Präteritum.

    Gefällt 2 Personen

    • erinjsteen schreibt:

      Stimmt, aus dem Genre Erotik stammen viele Präsens-Romane. Mir fiel gestern nicht mehr ein, bei welchem Genre das häufig genutzt wird. Den Ich-Erzähler habe ich für meinen Thriller benutzt, der in ein paar Wochen herauskommt. Das war für mich auch zunächst sehr gewöhnungsbedürftig. Mehrere Ich-Erzähler zu haben, stelle ich mir sehr anspruchsvoll vor – also zum Schreiben zunächst. Dem Leser wirst du sicher irgendwie verdeutlichen, wer jetzt „Ich“ ist. Ich bin gespannt, was aus deinem Plan wird!
      Viele Grüße
      Erin

      Gefällt 1 Person

  7. margauxnavara schreibt:

    Ich hoffe doch, dass klar wird, wer erzählt. Die Charaktere sollen sich ja unterscheiden.
    Letztlich ist dieses Problem aber immer gegeben, wenn man mehr als eine Perspektive einnimmt. Auch meinen letzten Roman habe ich aus zwei Perspektiven geschrieben, Luke und Emma, dabei jeden Teil mit dem entsprechenden Namen beginnen lassen.
    Bei dem Taschenbuch konnte ich es als Initiale setzen, das sieht interessant aus, finde ich. Leider geht das im E-Book nicht.
    Ich bin selbst auch gespannt, was dabei herauskommt …
    Viele Grüße,
    Margaux

    Gefällt 1 Person

    • erinjsteen schreibt:

      Klar, sollte es immer klar sein, wer erzählt. Ich spiele persönlich gern mit drei Erzählern in der dritten Person, aber auch die versuche ich stark am Stil zu unterscheiden. Ob mir das letztlich gelingt, werde ich dann mal die Testleser fragen 😉

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