Leseprobe: Martins Hütte

Trotz meiner feiertagsfreien Woche komme ich bislang gut mit dem Schreiben voran. Ich glaube die „schreibfreie“ Woche hat sich wirklich gelohnt. Ich bin im Moment total im Soll. Irgendwie habe ich gerade Lust darauf, dir den Anfang meiner Geschichte schon mal als Leseprobe zu geben. Sie ist natürlich nur ganz grob inhaltlich korrigiert. Flüchtigkeitsfehler bleiben im NaNo vermutlich nicht aus (sie bleiben auch sonst nicht aus…, aber gerade bei dem hohen Schreibtempo werden es mehr).

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Anmerkung: Text aktualisiert am 07.11.2016

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1.  Der Anschlag

Seit zwei Stunden schleppte ich mich an ihrer Seite durch das Shopping Center. Irgendwann muss es doch auch mal gut sein, dachte ich. Weihnachten war noch rund sechs Wochen entfernt und sie versuchte, schon heute alle Geschenke einzukaufen. Natürlich musste ich mitkommen. Ich vermutete, dass sie mich lediglich als Gesellschaft und als Taschenträger brauchte. Denn ansonsten erfüllte ich auf diesem Ausflug in den städtischen Konsumtempel keine Funktion. Ich brauchte dringend eine Pause und musste ebenso dringend noch an meiner Reportage arbeiten. Schon morgen früh musste ich das Ergebnis bei dem Chefredakteur des Wochenmagazins abliefern. Ich hatte den Auftrag erhalten, eine Background-Story über einen jüngst in Verruf geratenen Politiker zu schreiben, der im Verdacht stand, seine Position für private Zwecke ausgenutzt zu haben. Eigentlich war das keine Geschichte, die mein Interesse erregt hätte. Doch mittlerweile hatte ich den Mann kennengelernt, der sich hinter der Fassade des glatten Politikers verbarg. Ich fand ihn sympathisch. Mein Auftrag war es, unvoreingenommen zu berichten, was mir aber in diesem Fall rätselhaft schwer fiel. Täglich erschienen in den Boulevard-Blättern der Nation neue Anschuldigungen gegen ihn. So war es eben in unserer Gesellschaft, wer von den hohen Herrschaften zu Fall kam, bei dem wurde bis zur völligen Vernichtung medial nachgetreten. Genau das war der Grund, warum ich normalerweise keine Reportagen über Personen machte. Ich berichtete über Dinge. Über Sachverhalte. Über Hintergründe. „Schatz, ist es okay für dich, wenn ich mich für eine Pause ausklinke?“ Sie sah mich erst abfällig und dann mitleidig an. Offenbar sah ich elend aus, was mich nicht wunderte, denn es war nicht gerade meine Paraderolle, mich stundenlang durch das Gedränge der Menschen zu wühlen und hinter ihr her zu laufen, während sie dies und jenes anschaute und mich fortwährend fragte, was ich von dem Gegenstand als Geschenk für irgendein Mitglied ihrer oder meiner Familie hielt. Jedes Geschenk war ein gutes Geschenk – Hauptsache er oder sie hatte zum Fest etwas zum Auspacken! So oder so ähnlich hatte immer wieder meine Antwort auf diese Frage gelautet, weshalb ich wohl auch keine besonders gute Hilfe war. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund liebte mich diese Frau trotzdem und immer noch. „Geh einen Kaffee trinken, ich komme dich später abholen.“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und ließ mich stehen. Ich war erleichtert, dass ich nicht weiter durch die Geschäfte hetzen musste und mich endlich der vor mir liegenden Aufgabe widmen konnte. Die Reportage musste so überarbeitet werden, dass es nicht aussah, als hätte ich, der Journalist, mich von dem Politiker blenden lassen. Wenn ich das nicht schaffte, könnte ich weitere Reportagen höherer Güteklasse endgültig abschreiben. Ich würde demnächst sonst über die neusten Beauty-OPs der TV-Sternchen berichten oder exklusive Homestories mit Casting-Show Teilnehmern machen. So weit durfte es nicht kommen. Ich war ein Journalist von Rang und Namen. In letzter Zeit lief es nicht mehr so gut. Seit ich mit Celine zusammen war, mied ich das volle Risiko. Früher hatte ich aus Krisengebieten geschrieben und hatte meinen Finger mitten in die Wunde gelegt. Heute berichtete ich lieber von zuhause aus und nahm auch Aufträge wie diesen an, die ich früher ohne einen zweiten Blick abgelehnt hätte. Wenn ich früher ein Wolf war, so war ich heute ein müder Schoßhund. Ich fand einen freien Tisch in dem Coffeeshop, in dem ich immer einkehrte, wenn ich in der Stadt war. Seine dunklen Ecken gefielen mir und ich konnte mich dort immer ungestört meiner Arbeit widmen. Ich legte meine Umhängetasche auf den Sessel. Heute war es voller als sonst an Wochentagen. Der Platz in dieser Ecke war noch frei, weil es nur den einen Sessel gab. Die meisten Gäste kamen in kleinen Gruppen oder waren mindestens zu zweit, so dass dieser Tisch für sie nicht in Frage kam. Das war mein Glück. Früher oder später würde an einem der Nachbartische ein Platz frei werden, den ich mir für Celine sichern konnte. In der Schlange vor der dunklen Holztheke wartete ich, bis ich an der Reihe war, der blonden Schülerin mit Pferdeschwanz, die sich das Taschengeld aufbesserte, meine Bestellung mitzuteilen. Betont freundlich nahm sie nacheinander die Bestellungen der Menschen vor mir an, kassierte und leitete die Bestellung an eine Kollegin und möglicherweise Schulkameradin weiter, die hinter der großen Espressomaschine die Getränke machte. Ich bestellte einen simplen Filterkaffee. Meiner Meinung nach durfte Kaffee nicht durch Milch oder Süße verdünnt werden. Sonst verlor er seine Wirkung in meinem Körper. Den Filterkaffee musste die Blondine nun ausnahmsweise selbst in die Tasse füllen. Die meisten Gäste bestellten komplizierte Trendgetränke. Seit Jahren hielt der Boom um Kaffeegetränke mit allen möglichen Geschmacksrichtungen nun schon an. Doch ich hatte dem nie etwas abgewinnen können. Wäre Celine mit mir hier gewesen, hätte sie sicher eines dieser Christmas-Latte-Dinger bestellt. Neben der Kasse stand ein großer Kaffee-Dispenser, der mehrere Liter Kaffee kochte und anschließend warm hielt. Wie in jedem Franchiseunternehmen der Lebensmittelbranche hatte man sich auch hier bestimmten Qualitätsnormen verschrieben. So konnte ich sicher sein, dass der Kaffee aus diesem Gerät nicht älter als eine halbe Stunde war. Ich konnte sehen, dass der Timer an dem Gerät auf 14 Minuten stand. Ich wusste also, dass er vor 16 Minuten gekocht wurde. Mit meiner Tasse, die ich an einer weiteren Station erhielt, ging ich zurück an meinen kleinen Arbeitsplatz. Ich richtete mir den Laptop und die Tasse auf dem Tisch so ein, dass ich nicht den Kaffee über die Tastatur kippen würde. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ich auf diese Weise eins meiner kostbaren Arbeitsgeräte verlor. Minuten später fand ich mich eingetaucht in die Welt, die ich für meinen Bericht in all ihren Farben ausgemalt hatte. Der politische Dschungel lag mir nicht, doch einer musste den Job schließlich machen. Ich konnte die neusten Entwicklungen, über die der Boulevard berichtete nicht außer Acht lassen, also flocht ich die neusten Anschuldigungen in meine Einleitung ein. Zäh arbeitete ich mich durch den dickflüssigen Text. Meinen Kaffee trank ich aus, weil ich wusste, wenn ich erst zu tief im Thema steckte, würde er missachtet neben mir abkühlen. Mein Ehrgefühl verhinderte, dass ich die Reportage einfach hinschmiss. Das Geld war es nicht mehr, dass mich zur Arbeit motivierte. Ich hatte bereits einige Rücklagen gebildet, die es mir eines Tages erlauben sollten, nur noch zu schreiben, wonach mir gerade war. Für viele meiner Krisen-Reportagen, hatte ich hohe Gefahrenzuschläge kassiert. Mehrfach hätte ich auch fast mein Leben dabei gelassen. Einem der Fotografen, mit denen ich zu der Zeit gearbeitet hatte, verdankte ich noch heute zwei meiner sieben Leben. Nein, es war nicht das Geld. Es war die Zusage, die ich dem Redakteur gegeben hatte, die mich diesen Artikel zu Ende schreiben ließ. Nach einer halben Stunde war es so weit. Ich war zufrieden. So zufrieden, wie ich es eben mit dieser Arbeit sein konnte. Wenn ich jetzt nicht auf Senden drückte, würde ich es nie tun. 13 Stunden vor der Abgabefrist landete mein Beitrag im Postfach der Redaktion und ich schloss damit ab. Alles was ich von dieser Arbeit noch sehen würde, war der Zahlungseingang auf meinem Konto. Ich würde mir weder das Magazin kaufen noch im Wartezimmer einer Arztpraxis darin lesen. Ein mächtiger Knall durchfuhr das Gebäude. Es klang, als wäre einer der Frachtcontainer am Hafen zu Boden gekracht. Doch dieses Geräusch sollte soweit entfernt kaum hörbar sein. Schon gar nicht so laut. Kurz danach versagte der Strom. Das Licht erlosch nach kurzem Flackern und das Geräusch des Milchaufschäumers verstummte. Eine sorgenvolle Stille breitete sich im Raum aus. Ich spürte, dass eine allgemeine Panik nicht mehr weit war. Die Musik aus den Lautsprechern war erloschen und wurde nun von Schreien auf den Gängen des Einkaufszentrums abgelöst. Ich klappte meinen Laptop zusammen und verstaute ihn in der Tasche. Hinter der Scheibe zum Korridor sah ich, wie Menschen zu den Ausgängen strömten. Auch im Coffee-Shop bereitete sich langsam in der Herde ein Fluchttrieb aus. Als ich aufstand, taten es mir gleich mehrere Andere nach. Es schien, als hätten sie nur gewartet, dass einer den Anfang machte. Der nächstgelegene Ausgang befand sich eine Etage tiefer. Bei Stromausfall mussten die flüchtenden Einkäufer die Stufen der stillstehenden Rolltreppe hinabsteigen. Die Stufen waren höher als normale Treppenstufen, weshalb vielen Leuten diese Strecke schwerfiel. Ich konnte sehen, wie sich ein Pulk an den Rolltreppen bildete, doch ich wollte ohnehin nicht in diese Richtung. Nur noch wenige Menschen kamen aus der Richtung, aus der der Knall gekommen war. Dort gab es weitere Ausgänge. Ihr Instinkt ließ die Menschen den nächstgelegenen Ausgang bevorzugen. Im Freien, so glaubten sie, sei man sicher. Ich hatte unbemerkt in einen Modus geschaltet, den ich bislang nur aus den Krisengebieten von mir kannte. Mein Sichtfeld verengte sich, doch meine Sinne waren geschärft. Mit schnellen Schritten bewegte ich mich auf die Geräuschquelle zu. Ich stieg über eine Feuertreppe ins Erdgeschoss. Im Normalbetrieb würde diese Treppe nur von Mitarbeitern benutzt, die sich schnell durch das Gebäude bewegen mussten. Ich erkannte den Eingang nur an der Notbeleuchtung, die über der Tür zum Treppenhaus hing. Hinter mir waren noch immer vereinzelte Schreie zu hören, doch diese Geräusche wurden leise, je näher ich dem Epizentrum kam. Wer laufen konnte, war bereits weg. Die Brandschutztür schloss sich hinter mir und verschluckte die letzten Geräusche. Im Erdgeschoss trat ich wieder hinaus in das leise Murmeln. Als ich näher zu dem betroffenen Flügel kam, sah ich bereits, dass einige Scheiben im weiteren Umkreis zu Bruch gegangen waren. Auch die Säulenkonstruktion in diesem Flügel war beschädigt. Einige Meter weiter waren nicht nur die Schaufenster zerstört, sondern auch die Puppen, die in ihren festlichen Kleidern darin gestanden hatten. Einigen fehlten Gliedmaßen, die die Explosion ihnen abgerissen hatten. Unter meinen Füßen knirschten Glassplitter und feines Granulat. Die Granulatkugeln lagen überall verstreut. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte ein paar Meter weiter vorhin ein Stand mit Stofftieren zum Selbstdesignen gestanden. Das Granulat musste die Füllmasse gewesen sein. Ich musste aufpassen, dass ich auf den feinen Kügelchen nicht ausrutschte, während ich mich dem Zentrum der Zerstörung näherte. Je weiter ich ging, desto mehr schwer identifizierbare Objekte fand ich auf dem Boden. Die Wucht der vermeintlichen Detonation hatte einiges bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Viele Kacheln an dem Zierbrunnen waren abgefallen. Ich sah Blutspuren, doch die Verletzten, die sich in diesem Bereich aufgehalten hatten, schienen entkommen zu sein. Ich hatte schon Leichen gesehen. Das brachte mein Job so mit sich. Die ersten Male war es schwierig gewesen, doch später hielt ich es aus. Die menschliche Tragödie wurde mir häufig erst klar, wenn ich meine Texte schrieb. Vorher war ich neutraler Beobachter und nahm wie ein Schwamm alles auf, was ich sah und was mir erzählt wurde. Später setzte ich all diese Dinge zu einem großen Ganzen zusammen und bildete mir natürlich auch eine Meinung, so wie ich es von meinen Lesern auch erwartete. In diesem Fall war ich nicht darauf vorbereitet gewesen, als ich den ersten Toten fand. Er lag in einer großen Blutlache. Ein Splitter oder ein herumfliegendes Teil musste ihn unglücklich getroffen haben, so dass er zügig verblutet war. In meinem Krisenmodus blendete ich das Opfer aus und ging weiter. Ich hätte ihm ohnehin nicht mehr helfen können. Ein Wimmern drang aus einem der Geschäfte auf meiner Etage. Wenn ich nur einem Menschen helfen konnte, so hatte sich mein Einsatz in meinen Augen schon gelohnt. Ich betrat vorsichtig das Geschäft. Auf das Wimmern folgten der Schrei eines Babys und ein Schluchzen. Ich befand mich in einem Bekleidungsgeschäft. Der Eingangsbereich war zerstört. Im Mittelteil lagen umgekippte Kleiderständer und ich musste mir den Weg nach hinten frei scheiben. Einen der Kleiderstände hob ich mühsam vom Boden auf. Behängt mit den Kleidungsstücken wäre das sicher ein Kraftakt gewesen, doch die meisten Bügel waren mitsamt den zu verkaufenden Objekten zu Boden gefallen. Am Ständer hingen nur noch vereinzelte Stücke. Ich stellte ihn auf und schob die Kleidung mit dem Fuß beiseite, damit ich in den hinteren Teil des Ladens gelangen konnte. Dort befanden sich die Umkleidekabinen. In diesem Geschäft war sie feste Objekte mit richtigen Türen, was wohl das Glück der Personen war, die sich darin befanden. Leise hörte ich Sirenen in der Ferne, die sich näherten. Ich klopfte an die geschlossene Tür und das Schluchzen erstarb. „Ich werde jetzt die Tür öffnen, in Ordnung?“ Das Wimmern setzte wieder ein und ich tat, was ich angekündigt hatte. Eine Frau mit einem Baby auf dem Arm stand völlig paralysiert in der Kabine und zitterte. Fieberhaft überlegte ich, wohin ich sie bringen konnte, damit sie nicht über den Toten vor dem Eingang stolperte. Ich bezweifelte, dass sie das verkraften würde. Ich war nie in diesem Laden gewesen und hofft nun inständig darauf, dass er über einen weiteren Ausgang ins Freie verfügte. „Warten Sie einen Augenblick hier!“ Ich scannte den Raum und nahm wahr, dass es hinter den Kabinen noch weiter ging. Das Geschäft hatte die Umkleiden gar nicht an der Rückseite, sondern in der Mitte positioniert. Ein breiter Gang führte an den zwei mal zwei Boxen großen Kabinen vorbei. Auf der anderen Seite war der Raum durch die Kassentheke verengt, so dass die Mitarbeiter an der Kasse beide Hälften des Raumes im Blick behalten konnten. Die Mitarbeiterinnen hatten aber ebenso wie die Kunden die Flucht ergriffen. Zum Glück fand ich an der Glaswand im hinteren Teil des Ladens tatsächlich einen unverschlossenen Ausgang. Ich holte die Frau und das Kind und redete sanft auf sie ein, um sie zu animieren, mir zu folgen. Sie war kaum ansprechbar und brauchte offenbar dringend medizinische Betreuung. Soweit ich sehen konnte, waren das Kind und sie körperlich unversehrt. „Kommen Sie, ich bringe Sie hier raus!“ Ich legte den Arm schützend um ihre Schulter und schob sie sanft voran. Schritt für Schritt näherten wir uns der Tür. Mit jedem wurde es ein bisschen leichter, sie dazu zu motivieren, voranzugehen. Ich schob die Tür auf und sie nach draußen. Die frische Luft hauchte ihren fahlen Zügen neues Leben ein. Sie hatte überlebt. Ich fragte mich, wie viele Menschen das nicht mehr von sich behaupten konnten. Die ersten drei zivilen Einsatzfahrzeuge kamen wenige Meter von mir entfernt zum Stehen. Eine Gruppe in dunkelblauen Kampfanzügen und Helmen ergoss sich aus den Fahrzeugen. Die Uniformierten trabten wie auf einen unausgesprochenen Befehl in Zweierreihen auf den großen Seiteneingang zu, der sich vier Geschäfte vor ihm befand. Am Rande des Geschehens hatten sich auch Streifen- und Krankenwagen positioniert. Ein Hupen erschreckte mich. Die Feuerwehr fuhr mit mehreren großen Einsatzfahrzeugen auf den Eingang zu, durch den gerade die Kampftruppe marschiert war, und ich stand ihnen im Weg. Auf dem Platz hatten sich Menschentrauben aus verletzten oder traumatisierten Opfern sowie Schaulustigen gebildet, die der mächtige Knall angelockt hatte. Ich fühlte mich merkwürdig entrückt von dem Geschehen. Die Frau hatte ich in Sicherheit gebracht. Ich wandte mich um. Gerade als ich wieder in das Gebäude treten wollte, hielt mich eine Berührung an der Schulter zurück. „Sie können da jetzt nicht reingehen.“ Ich begriff nicht. Natürlich konnte ich da rein gehen. Ich war doch eben auch raus gekommen. Ungläubig blickte ich mich zu dem Menschen um, dessen Hand noch immer auf meiner Schulter ruhte. Ich sah einem jungen Streifenpolizisten in sein blasses Gesicht. Mit ihm wollte ich nicht diskutieren, was ich konnte und was nicht. Ich machte mich aus seinem Griff los. Ein weiterer Uniformierter kam dem jungen Beamten zur Hilfe. An seiner Montur erkannte ich ihn als Feuerwehrmann. Er trug Schutzhelm und Atemmaske. „Sie bleiben hier. Es ist da drinnen nicht sicher für Sie!“ Die Stimme klang verzerrt, weil er die Maske bereits angelegt hatte, doch die Autorität in seiner Stimme wurde durch den sonderbaren Klang nicht eingeschränkt. Ihm glaubte ich plötzlich, dass ich dort nicht reingehen konnte. Fest verwurzelt hielten mich meine Füße an Ort und Stelle. Ich begriff, dass ich immer noch keine Ahnung hatte, wo Celine war. Nachdem ich meine Jackentaschen vergeblich auf der Suche nach meinem Handy abgeklopft hatte, stellte ich verwundert fest, dass meine Umhängetasche mich die ganze Zeit begleitet hatte. Ihr Gewicht und den Zug des Gurtes, der mir quer über den Körper lief, bemerkte ich erst jetzt wieder. In ihr befand sich nicht nur mein Laptop, sondern auch ein großer Teil meiner Notizen in Papier. Ich arbeitete gleichzeitig immer an mehreren Themen, so dass sich ein beachtlicher Stapel Papiere in der Tasche ansammelte. Außerdem enthielt die Tasche mein vermisstes Handy. Ich hatte Reportagen über Kriege geschrieben und mitten in gewalttätigen Menschenmassen gestanden, die ihre Machthaber stürzen wollten, doch nie hatte ich mich in einer solchen Verfassung befunden. Die Verwüstung des Ortes hielt sich in Grenzen, die Außenwände waren von der Detonation unberührt. Aber in mir war alles in Aufruhr geraten. Mein Gehirn verweigerte sich, all die Eindrücke zu verarbeiten, die meine Sinne sammelten. Ich befand mich in einer anderen Zeitschleife als mein Umfeld. Zumindest erschien es mir in diesem Augenblick so. Das Handy hatte ich nun endlich in der leicht zitternden Hand. Mit meinem ruhigen Krisenmodus schien es nicht mehr weit her zu sein. Ich wurde zunehmend nervöser. Ich versuchte, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass sich Celine genau in diesem Moment ausgerechnet in dem Teil des Gebäudes befunden hatte, der in die Luft geflogen war. Das Center war groß und bot vielfältige Möglichkeiten, Geschenke zu kaufen. Sogar für Eltern. Zwar hatte ich regelmäßig nicht die leiseste Ahnung, was ich meinen Eltern schenken sollte, doch Celine fiel immer etwas ein. Ihr Problem war es eher, sich für eine Idee zu entscheiden. Die Fingerabdruckentsperrung des Telefons wollte nicht funktionieren. Ich hatte bereits zum dritten Mal meinen Daumen auf den Leser gelegt, doch immer wieder schüttelte das Telefon seinen nicht vorhandenen Kopf. Nun musste ich mich an den Code erinnern, den man eingab, wenn man das Telefon neu startete. Auch dabei vertippte ich mich zunächst. Beim zweiten Versuch hatte ich diese Hürde überwunden. Ich drückte auf meine Anrufliste und wählte ihre Nummer. Es dauerte einen Moment, ehe ich eine Verbindung bekam. Die Leitungen waren ausgelastet. Ich versuchte es ein zweites Mal. Beim dritten Versuch klingelte es endlich am anderen Ende. Niemand hob ab. Vielleicht war es laut, wo sie stand, überlegte ich. Einen anderen Gedanken wollte ich noch immer nicht zulassen. Ich hatte doch die Wahrscheinlichkeit als gering eingeschätzt, dass ihr etwas passiert war. Für viel realistischer hielt ich es, dass der Lärmpegel inmitten der unverletzten Meute aus dem Shopping Center zu hoch war, als dass sie ihr Telefon hören konnte. Dennoch wurde ich unruhig und drückte noch einmal auf die Wahlwiederholungstaste. Es läutete dreimal, viermal und fünfmal.

Falls du es bis hier geschafft hast, darfst du gerne deine Meinung in den Kommentaren lassen (aber bitte nicht nach den angekündigten Schreibfehlern suchen…).

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8 Gedanken zu “Leseprobe: Martins Hütte

  1. Alice deGrey schreibt:

    Schreibfehler? Wo denn? Tippfehler oder Ähnliches sind mir gar keine aufgefallen.

    Zum Inhalt: Spannend! Trotz des Kapiteltitels habe ich den Anschlag überhaupt nicht erwartet, vielleicht auch nicht so schnell. Ungewöhnlich, dass man nach wenigen Absätzen schon mitten im Geschehen und aus dem Alltag heraus ist. Dein Hauptchara macht mich neugierig, als Journalist wirkt er ja sehr abgehärtet, einer, der nicht mit einem normalen Leben zufrieden ist (weshalb er wahrscheinlich auch nicht zu Celine passt). Gleichzeitig auch etwas altmodisch (in Ermangelung eines besseren Wortes), was sicher noch eine größere Rolle spielen wird. Seine Erzählstimme ist mir fast zu ruhig und sachlich, aber vielleicht ändert sich das auch noch? Auf jeden Fall ein guter Anfang!

    Gefällt 1 Person

    • erinjsteen schreibt:

      Ja, Martins Hütte kommt auf Amazon als eBook. Es wird beizeiten noch ein paar Schnipsel aus dem Text geben, aber ich will natürlich auch nicht zu viel verraten. Ich freue mich sehr, dass die Leseprobe dich angesprochen hat!

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