Authentizität und Pseudonyme – Warum das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat

Achtung: Wie sich die meisten Leser denken können, wurde ich nicht als Erin J. Steen geboren.

Wenn schon der Name nicht echt ist, ist sicher der Mensch dahinter ein Fake.

So mögen viele Menschen über Pseudonyme denken. Ich verstehe das Pseudonym aber nicht als Scheinidentität, was bei einem Fake der Fall wäre. Für mich ist es mehr das deutsche Pendant zum Pen Name. Der Schriftstellername.

Wer mit einem tollen Autorennamen geboren wurde, dem kann ich an dieser Stelle nur gratulieren und ich hoffe für ihn (oder sie), dass es für ihn (oder sie) auch kein Problem darstellt, wenn der eigene Chef oder vielleicht der zukünftige Chef ihn mit den Büchern (oder dem ewigen Traum von einer Existenz als veröffentlichter Schriftsteller) in Verbindung bringt.

Für mich war es eine klare Sache:

Ich mag meinen Nachnamen nicht. Niemand den ich kenne, trägt meinen Nachnamen. Das mag dich wundern, aber ich werde das nicht näher erklären, weil es der Sache nicht dienlich ist.

Unter dem Nachnamen, den ich ohnehin früher oder später ablegen werde, möchte ich nicht als Autorin bekannt sein. Also musste ein schriftstellerischer Nachname her, aber bitte einer, mit dem ich etwas verbinde. Wenn wir dann schon dabei sind, habe ich mir gleich einen zusätzlichen Vornamen gegönnt. Ich wollte schon immer die Wahl haben, welchen Namen ich nutze.

Ein weiterer Grund für die Entscheidung pro Pseudonym war mein Brotjob. Einerseits möchte ich nicht, dass meine Chefs und Kollegen von meinem Hobby (ob nun erfolgreich oder nicht) wissen. Andererseits möchte ich nicht, dass ein potenzieller neuer Arbeitgeber bei der Internetrecherche über die Bewerberin gleich mein geheimes Autorenleben findet. Vielleicht möchte ich noch mal was total Seriöses machen? Särge verkaufen oder mit Drogen dealen, oder so…

Ich möchte mich also nicht vor dir verstecken, gäbe es ein Foto von mir, dass ich gut genug fände, würde ich es dir sogar zeigen. Im Moment gibt es ein solches Bild aber noch nicht. An dieser Sache arbeite ich noch

Ein weiterer (bei mir nicht zutreffender) Grund für ein Pseudonym ist aus meiner Sicht ein Allerweltsname oder ein Name, der schon von jemandem „belegt“ ist. Wäre mein Nachname Fitzek, würde ich vielleicht damit keinen Thriller schreiben. Denn immerhin gibt es da schon einen Fitzek. Auch als Pilcher oder King würde ich nicht auf den Markt drängen wollen. Wäre mein Name Müller, Meyer oder Schmidt würde ich vermutlich auch einen spannenderen Namen wählen, aber das ist nur meine persönliche Meinung. Wunderbare Gegenbeispiele findest du im Buchregal unter Müller, Meyer und Schmidt…

So viel also zum Pseudonym, was ist aber mit der Authentizität?

Du kannst mit oder ohne deinen echten Namen authentisch sein oder es sein lassen. Viele Menschen verstellen sich mit ihrem eigenen Namen tagein und tagaus in der „echten“ Welt, was sie im Internet tun ist meistens nicht viel echter.

Bei Facebook bin ich schon über „Autoren“ gestolpert, deren dargestellte Persönlichkeit so sonderbar ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, sie sei echt. Ich möchte an der Stelle keine Namen nennen, denn falls ich mich irre, möchte ich mit meiner Aussage niemandem zu nahe treten.

Aus meiner Sicht ist eine Person nur dann glaubwürdig, wenn sie mehrdimensional ist und nachvollziehbar agiert. Eine eindimensionale Darstellung eines Persönlichkeitsaspekts kann ich nicht als authentisch bewerten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die nur existieren, um beispielsweise den eigenen Mann zu betrügen. Wenn das also der einige Inhalt ist, den eine Person transportiert, so halte ich diese Figur für einen Fake. Hat die Person aber vielleicht mit der Tatsache einen Konflikt, finde ich sie schon etwas glaubwürdiger, weil eine zweite Dimension hinzu kommt. Ich denke, du verstehst, was ich meine.

Es ist hierbei ganz gleich, ob die Person unter dem von den Eltern gegebenen Namen oder unter einem selbstgewählten Namen agiert.

Wie ist deine Meinung zu dem Thema?

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22 Gedanken zu “Authentizität und Pseudonyme – Warum das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat

  1. Michael Behr schreibt:

    Ein interessantes Thema, über das ich mir natürlich auch so meine Gedanken gemacht habe. Ich weiß nicht genau, wann du das erste Mal auf meinen Blog gestoßen bist, aber als ich den gestartet habe, war mein Pseudonym dort dasselbe, das ich teilweise in Foren nutze: Mic. Im Laufe der Zeit wurde daraus mein Vorname Michael und erst im Mai, glaube ich, bin ich dann den ganzen Schritt gegangen und habe meinen Nachnamen dahinter gesetzt. Der Grund war, ebenso wie du es schilderst, dass ich mir bis dahin nicht sicher war, ob ich es wirklich wollte, dass jeder mit einer kleinen Internetrecherche herausfinden kann, dass ich es bin, der da seinen Traum vom eigenen Buch träumt.

    Schließlich kam ich zu dem Entschluss, dass ich immer schon davon träumte, in meinem Regal ein Buch stehen zu haben, auf dem mein Name steht. Mein richtiger Name. Und auch wenn man darüber streiten kann, ob der jetzt besonders schön ist, oder nicht, so ist er doch erst einmal okay. Kein Fitzek, kein King, keine Pilcher. Wenn ich so heißen würde, hätte ich mir in der Tat auch was anderes überlegt.

    Ein Pseudonym hat für mich darüber hinaus trotzdem nichts mit fehlender Authentizität zu tun. Ich würde sogar sagen: Ein Pseudonym kann dazu führen, dass Menschen authentischer sind, weil sie sich selbst nicht so stark sanktionieren müssen. Ich kann viel leichter eine schnulzige schwule Love Story schreiben, wenn ich nicht davon ausgehen muss, dass die Kollegen morgen über mich tuscheln. Und ich kann mich noch in meiner Kirchengemeinde blicken lassen, obwohl ich einen SM-Dämonen-Folterthriller geschrieben habe.

    Für mich steht fest, dass ich unter meinem Namen veröffentlichen will. Gleichzeitig halte ich mir die Option eines Pseudonyms offen. Denn es gibt ja auch noch den Fall, dass man als Autor gerne grundverschiedene Genres bedienen möchte. Da kann es manchmal auch hilfreich sein, wenn man nicht so festgelegt ist. Natürlich muss man dafür erst einmal ein paar Romane veröffentlicht haben, damit der Leser sich festlegen konnte …

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    • erinjsteen schreibt:

      Danke für deine Meinung. Ich sehe das alles genau wie du, nur dass ich meinen Namen eben nicht für geeignet halte, damit zu veröffentlichen. Ich bin auch der Meinung, das ich viel freier schreiben kann, wonach mir ist, wenn mein Chef nicht weiß, dass das Buch auf dem Nachttisch seiner Frau von mir stammt 😄

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      • erinjsteen schreibt:

        Viele Leute schließen von dem, was ein Autor seinen Protagonisten tun oder sagen lässt, gerne auf das, was der Autor denkt und gern tun würde. Schreibe ich nun über einen Amokläufer, hält mich mein Chef vielleicht für gefährlich… ich möchte mir die Freiheit über den Amokläufer oder Terroristen zu schreiben aber nicht nehmen lassen.

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      • Michael Behr schreibt:

        Schätzt du das Problem wirklich als so groß ein? Oder hast du einfach so einen empfindlichen Chef ;-).

        Ich glaube eigentlich schon, dass die meisten Menschen das voneinander trennen können. Da hat sich in den letzten Jahren auch einiges verändert, meiner Wahrnehmung nach, dadurch, dass Autoren als Menschen greifbarer geworden sind.

        Aber auch das Marketing hat sich ja verändert. Heute würde ein Stephen King sich wahrscheinlich nicht mehr im Poe-Look samt Totenschädel ablichten lassen. Irgendwann gab es da mal so ein Foto …

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  2. simonsegur schreibt:

    Pseudonyme sind so alt wie das Schriftsteller-Geschäft – warum sich irgendjemand darüber aufregen oder mit dem Stempel „nicht authentisch“ versehen sollte, wüsste ich nicht. Gründe für ein Pseudonym gäbe und gibt es viele. Die von Dir genannten sind eher ungewöhnlich, denke ich. Meistens versucht sich ein Autor an unterschiedlichen Gattungen, kann aber als Liebesschnulzenschreiber nicht denselben Namen verwenden wie für Hardcore-Thriller. Auch ein King hat bekanntlich Pseudonyme gewählt, schon weil er mit einem anderen Namen ein anderes Schreib- und Lebensgefühl hatte.
    Also, Bedenken braucht man da wohl keine haben – warum auch? Michael gebe ich recht, dass es ein wunderbares Gefühl ist, den eigenen Namen auf nem Buch gedruckt zu sehen. Aber sonst? Im Gegenteil. Als Schreibender lebt man für das Spiel der Worte. Da liegt es nahre, auch mit dem eigenen Namenwort zu spielen…
    Und: Viel interessanter wäre für mich, warum Du Dir gerade diesen so schön nordischen Namen Steen ausgesucht hast 🙂
    Liebe Grüße!

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  3. Alice deGrey schreibt:

    Ja, das mit dem Pseudonym ist eine sehr gute Frage … Ich halte es genau wie du, ich mag meinen Nachnamen nicht und hab so eine Ahnung, dass er sich nicht gut verkaufen würde, wenn er auf einem Buchcover stünde. Seit kurzem ist es außerdem so, dass ich meinen (echten) Namen für etwas anderes hergegeben habe, das ebenfalls ziemlich öffentlich ist, und ich will (im Moment) nicht, dass Leser meinen Autorennamen damit assoziieren.

    Allgemein denke ich auch, dass es für uns als Autoren nur ein Vorteil sein kann, wenn wir als authentische, lebendige Personen (also wir selbst) online präsent sind. Diejenigen, die sich verstellen, schaufeln sich doch nur ihr eigenes Grab.

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      • Alice deGrey schreibt:

        Tja, tatsächlich denke ich schon seit einiger Zeit über ein neues Pseudonym nach. Das hat mehrere Gründe, vor allem: 1) Inzwischen habe ich mich mit meinem Vornamen versöhnt und würde ihn doch gerne benutzen (nein, ich heiße nicht wirklich Alice) und 2) da ich auf Deutsch schreibe und immer geschrieben habe, hätte ich gerne einen Nachnamen, der deutsch klingt, aber notfalls auch im englischen Sprachraum funktioniert bzw. wenigstens einfach auszusprechen ist. Vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken. 😀

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      • Alice deGrey schreibt:

        Das ist wahr. Aber wenn ich hierzulande einen englischen Namen auf einem Cover sehe, nehme ich automatisch an, dass der Autor englischsprachig ist und das Buch eine Übersetzung. Wenn ich dann herausfinde, dass der Autor doch deutscher Muttersprachler ist, fühle ich mich immer ein bisschen betrogen. Deshalb würde ich das eher ungern selbst machen … Wie gesagt, so ein Mittelding wäre am besten!

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  4. gann uma schreibt:

    An die Chefsache habe ich noch nie gedacht. Aber leuchtet mir ein.
    Ich habe schon so lange den Wunsch, ein Buch zu schreiben (oder zwei, oder drei, oder…), ich würde mir wünschen, meinen eigenen Namen darauf zu sehen. Aber leider bin ich ziemlich paranoid, was übelwollende Menschen betrifft, also muss ich mir da irgendwann nochmal Gedanken machen. Es gibt außerdem eine Autorin, deren Name relativ ähnlich ist, vom Vornamen und der Lautverteilung. Nicht so gut. Die Tatsache an sich, die Autorin ist okay, soviel ich weiß.
    Ein Pseudonym könnte auch ganz neue Kräfte freisetzen, und wie ein Kampfname oder magischer Name funktionieren.

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  5. Radioactive waste man schreibt:

    Da mein Name als Autorenname taugt, habe ich bis letztens noch nicht über ein Pseudonym nachgedacht – zumal ich bei Bewerbungen eh angebe, dass ich als Hobby kreatives Schreiben mache. Aber bisher sind es auch nur Science Fiction Geschichten und Lustige Annekdoten, da habe ich kein PRoblem damit, wenn Leute wissen, dass ich die geschrieben habe.
    Ich will aber demnächst bei einem Erotik-Geschichten-Wettbewerb teilnehmen, und da werde ich mir dann wohl doch ein Pseudonym zulegen. Irgendwie kommt es mir bei dem Genre nicht richtig vor, den eigenen Namen zu benutzen. Dabei rätsel ich hauptsächlich, ob ich ein Pseudonym des anderen Geschlechts wählen soll oder nicht, denn mein Name würde sich dafür anbieten…

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    • erinjsteen schreibt:

      Das mit dem Erotik-Geschichten-„Problem“ verstehe ich gut. Außerdem finde ich den Ansatz verschiedene Namen je nach Genre zu verwenden, wie Simonsegur auch schrieb, auch ganz passend. Ich kenne das auch von verschiedenen Autoren.

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