Warum ein Künstler nie sein eigenes Werk interpretieren sollte und T.C. Boyle’s Sicht auf die Welt

„I’m not making interpretative statements about the book.“

So T.C. Boyle als er in einem Interview (siehe Video unten) gebeten wird, zu erklären, wie er zu den Positionen der Figuren in seinem Roman Wenn das Schlachten vorbei ist steht. Er sagt weiter, wenn der Autor sagt, was sein Buch bedeutet, zerstört er das Buch für jeden Leser.

Ich teile diese Ansicht, weil ich davon ausgehe, dass mein Leser ein eigenes Moralempfinden hat. Ich muss ihm also nicht erklären, was gut und richtig ist. Viele Autoren machen an der Stelle leider den Fehler, den Leser zu entmündigen, und erklären ihm zu viel.

Deine Figuren sollten eine Meinung haben.

Ein Mittel, um eine Botschaft zu senden, können aber deine Figuren sein. Sie dürfen und sollten sogar Stellung beziehen zu den zentralen Fragen deines Werkes.

Möchtest du beispielsweise zeigen, dass es eine üble Sache ist, den Partner zu betrügen?

Dann zeig deinem Leser, wie die Figuren darunter leiden. Ja, lass sie das Verhalten der anderen Figur meinetwegen auch verurteilen. Du brauchst dafür nicht den erhobenen Zeigefinger und schon gar nicht musst du im Lesekreis oder im Interview erklären, dass du es total doof findest, dass Figur A Figur B betrogen hat.

Ich werde mir zumindest Boyle’s Aussage zu Herzen nehmen und versuchen, mein Buch für sich sprechen zu lassen. Ohnehin glaube ich, dass es sich nicht lohnt, jemanden moralisch belehren zu wollen, der ein anderes Moralempfinden hat als man selbst. Es funktioniert einfach nicht.

Wie gehst du damit um, wenn dein Buch sich um ein moralisches Thema dreht? 

Vielfach wird zum Beispiel behauptet, dass die moralische Botschaft der jungfräulichen Ehe in Twilight bereits ein zu stark erhobener Zeigefinger sei.

Sei es nun die Überzeugung der Autorin oder nicht, so finde ich, ihre Figur (in diesem Fall vornehmlich Edward) hat das Recht, vehement ihren Standpunkt zu vertreten.
Es mag keine moderne Weltanschauung sein, wie man auch an Bella’s Haltung erkennt, aber für die Figur aus früheren Zeiten, ist es durchaus passend. Ja, klassischerweise ist das eher die weibliche Rolle des „sich zierens und dann irgendwann möglicherweise doch nachgeben“ – und gerade deshalb finde ich es in dem Buch schon wieder gut gemacht.

Und ich finde wirklich nicht, dass es direkt die Autorin ist, die mir ihre Moral aufdrücken möchte.

Wichtig hierbei ist mir, dass die Figur eine in sich schlüssige Moral hat!

Der Wille von Edward prinzipiell niemandem zu schaden, weshalb er ja kein Menschenblut trinken möchte, reiht sich in die gleiche moralische Weltsicht ein. Er ist, wie viele Rezensenten behaupten, einfach zu weich geraten für einen harten Vampirtypen…

Ich mag den Roman trotzdem.

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Ein ganz anderes Beispiel für moralische Themen zeigt T.C. Boyle in seinem Roman auf. Wer Wenn das Schlachten vorbei ist nicht kennt, dem sei gesagt, dass das Buch das Thema „Tierschutz“ an einem bewusst etwas zwiespältigen Beispiel thematisiert. Es gibt eine Insel, auf die vor Jahren Ratten eingeschleppt wurden. Die dort heimischen Arten werden durch die Ratten bedroht. Der eine Tierschützer, will die Ratten dort ausrotten lassen, während der andere Tierschützer auch diese Ratten schützen will. Es ist ein schwieriges Thema, das durch das Beispiel der wenig geliebten Nagern noch schwieriger wird. Ganz bewusst sagt Boyle nicht direkt, die eine Position ist die Richtige und die andere ist falsch.

 

Ein Gedanke zu “Warum ein Künstler nie sein eigenes Werk interpretieren sollte und T.C. Boyle’s Sicht auf die Welt

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