Handwerkliches: Architekten vs. Gärtner

Eine wundervolle Beschreibung des grundlegenden Ansatzes, den ein Autor zu Beginn seines Projektes wählen muss, ist mir von dem populären Autor George R.R. Martin zu Ohren gekommen:

“I think there are two types of writers, the architects and the gardeners. The architects plan everything ahead of time, like an architect building a house. They know how many rooms are going to be in the house, what kind of roof they’re going to have, where the wires are going to run, what kind of plumbing there’s going to be. They have the whole thing designed and blueprinted out before they even nail the first board up. The gardeners dig a hole, drop in a seed and water it. They kind of know what seed it is, they know if planted a fantasy seed or mystery seed or whatever. But as the plant comes up and they water it, they don’t know how many branches it’s going to have, they find out as it grows. And I’m much more a gardener than an architect.”

Sinngemäß unterscheidet er hier zwei verschiedene Ansätze, ein Buch zu schreiben.

Architekten:

Der Architekt macht einen (detaillierten) Plan von seinem Projekt. Er zeichnet nicht nur die Umrisse des Hauses auf einen Plan seines Grundstückes, sondern auch die Maße und die Lage der einzelnen Räume, die geplante Verkabelung und die Wasserleitungen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Architekt auch als „Plotter“ oder „Outliner“ bezeichnet. Die Technik, die der Architekt verwendet heißt „plotten„. Eine wundervolle strategische Herangehensweise für das Plotten ist die Nutzung der Schneeflockenmethode, die von Randy Ingermanson entwickelt wurde.

Hierbei entwickelt der Autor aus einem zusammenfassenden Satz die ganze Geschichte. Diese Zusammenfassung wird sukzessive erweitert, bis sie dicht wie eine Schneeflocke wird. Genaueres zu dieser Methode findest du an anderer Stelle.

Gärtner:

Der Gärtner hat zu Beginn seines Projekts im Grunde keine Ahnung, was in seinem Buch passieren wird. Er pflanzt einen Samen, wie Martin sagt. Der Samen kann zum Beispiel eine grobe Skizze des Startpunktes sein oder eine Figur, die ihm im Kopf herumschwirrt. Er beginnt mit diesem Samen und versorgt ihn mit Wasser und Nährstoffen. Das heißt die grobe Figur, wird mit einer Situation konfrontiert und reagiert auf diese. Daraus folgt eine neue Situation, die wiederum die Geschichte in Bewegung bringt. Der Gärtner schreibt seinen ersten Entwurf, ohne genau zu wissen, wo die Reise hingeht.

Eine einheitliche Bezeichnung für diese Gruppe ist mir nicht bekannt, doch ihr findet sie zum Beispiel als „Drauflosschreiber„, „Discovery Writer„, „Seat-of-the-pants“ bzw. „Pantsers„. Das etwas skurril anmutende writing by the seat of the pants, also nach dem Sitz der Hose schreiben, kann besser übersetzt werden als „Schreiben wie einem der Schnabel gewachsen ist“, obwohl das nach meinem Verständnis des Ausspruchs eher die Wortwahl meinen sollte. Ich denke aber, du verstehst, was gemeint ist.

 

In deutschen Autorenblogs sehe ich sehr häufig die Fraktion der Plotter vertreten. Ich verstehe diesen strukturierten Ansatz sehr gut und ich erkenne seine Vorteile an, doch für mich passt das Prinzip nicht. Ich habe es für mich ausprobiert und empfehle das auch jedem anderen, der ein Buch schreiben möchte. Das Plotten bietet einen sicheren Rahmen und eine super Orientierung im eigenen Projekt. Es hilft einem, den Faden nicht zu verlieren und versichert einem, dass man an dem Ende ankommt, auf das man hingearbeitet hat.

Meine Kreativität funktioniert anders. Ich bin damit glücklicherweise nicht alleine, sondern befinde mich in ehrwürdiger Gesellschaft. Unter den Gärtnern finden sich neben George R.R. Martin zum Beispiel auch Stephen King und Nora Roberts. Alle Drei würde ich als erfolgreiche Autoren bezeichnen, auch wenn mir nicht unbedingt jeder Output dieser Drei zusagt.

Als ich anfing meine wilden Buchideen zu Geschichten zu weben, habe ich mich am Plotten versucht. Ich halte mich für einen ziemlich strukturierten Menschen und hielt daher diese planvolle Herangehensweise für passend. Die meisten Eventualitäten in meinem Leben versuchte ich im Voraus zu planen, warum sollte ich also bei meinem Buch anders vorgehen. Ich nahm mir also eine Anleitung für die Schneeflockenmethode zur Hand und gab meiner Figur Stück für Stück eine Geschichte. Dann begann ich, meinen ersten Entwurf zu schreiben. Ich schrieb Seite um Seite und versuchte, meinen inneren Kritiker nicht zu häufig die Überhand gewinnen zu lassen. Immer wieder fand ich mich vor der Tastatur wieder und dachte, wenn diese Szene endlich vorbei ist, macht mir die nächste sicher mehr Spaß. Doch der Spaß stellte sich einfach nicht wieder ein. Ich redete mir ein, das läge am inneren Kritiker. Mitten in der Geschichte stand ich da und meine Figuren sträubten sich schließlich, zu tun, was ich geplant hatte. Eine Planänderung hätte an der Stelle zu einem völlig anderen Ergebnis geführt, doch das war nicht mehr die Geschichte, die ich erzählen wollte. Ich beendete das Projekt und legte es in die metaphorische Schublade unfertiger Geschichten. (Die habt ihr sicher auch, oder?)

Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, zu überlegen, warum es nicht hatte klappen wollen. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass mich die Figuren inspirieren. Sie wollen, dass ich ihre Geschichte erzähle, während sie sie erleben. Wenn ich schreibe, denke ich, ich weiß, was als nächstes passiert, aber dann kommt alles ganz anders und es ist kein Problem. Ich darf das tun. Das macht mir Spaß. Das lässt mich dranbleiben.

Das Risiko, das damit einher geht ist, dass mein Buch ziellos verläuft und versandet. Ich kann mich tierisch verzetteln und weiß nie, wann es vorbei sein wird. Doch bis dahin habe ich den maximalen Schreibspaß. Und hinterher muss sowieso korrigiert werden bis kaum noch etwas übrig ist. Mein erster Entwurf ist dann eine Art superdetaillierter Plot. Ich kann streichen, was überflüssig ist und herausarbeiten, worauf ich hinaus will.

 

Welcher Typ bist du?

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7 Gedanken zu “Handwerkliches: Architekten vs. Gärtner

  1. michaelaschreibt schreibt:

    Wieder ein sehr interessanter Beitrag von dir 🙂 Plotten hab ich auch mal versucht, aber so recht konnte ich mich damit ebenfalls nicht anfreunden. Schon nach ein paar Seiten haben die Figuren etwas anderes gemacht, als ich zu Beginn angedacht hatte. Von mir kann ich ganz klar sagen, dass ich ein Gärtner bin. Ich hab eine Idee im Kopf und schreibe drauf los. Vielleicht mache ich unterwegs ein paar Notizen, was zu einem späteren Zeitpunkt passieren soll. Das sind aber Gedanken, die meist spontan auftauchen. Ob sie dann, wenn es soweit ist, auch umgesetzt werden bzw. wirklich in der Geschichte auftauchen, steht auf einem anderen Blatt 😉 Viele Grüße an dich!

    Gefällt 1 Person

    • erinjsteen schreibt:

      Herzlichen Dank für das Lob und deinen Kommentar. Mit meinen Figuren geht es mir da wie dir. Ich habe einmal begonnen einen geplotteten Krimi zu schreiben, aber das hat mich so eingeengt, dass mir die Lust vergangen ist. Vielleicht versuche ich es irgendwann noch einmal freier in dem Genre.
      Viele Grüße
      Erin

      Gefällt 1 Person

  2. Jenny schreibt:

    Schöner Artikel!
    Ich bin ein totaler Planer. Vor allem bei meinen Fantasy/Dystopie-Projekten beschäftige ich mich wochenlang mit dem Weltenbau, den Charakteren und der Handlung. Da kommen meist 80-100 A5 Seiten zusammen, die ich vollschreibe, bevor ich überhaupt darüber nachdenke, dass Projekt zu starten. Allerdings plane ich nicht jede Szene oder jedes Detail. Denn sobald meine Charaktere lebendig werden, übernehmen sie das Ruder. Und so lange das noch im Rahmen dessen ist, was in die Welt passt, ist das auch vollkommen in Ordnung.
    Bei den New Adult Romance-Projekten wird nicht ganz so genau vorgearbeitet. Da nutze ich die 7-Punkte-Struktur oder die 5-Akte Methode. Habe also Nur Anfang, Mitte, Schluss und einige Wendepunkte. Was dazwischen passiert überlasse ich ganz meinen Hauptcharakteren.
    Anfang des Jahres habe ich auch einfach drauflos geschrieben, mich aber ständig verzettelt. Aber ich muss sagen, dass passiert mir heute auch noch, wenn ich bestimmte Dinge nicht vorher plane.
    Wirklich faszinierend wie unterschiedlich die Arbeitsweisen sind. Finde es immer wieder interessant, mich darüber auszutauschen.

    Liebe Grüße
    Jenny

    Gefällt 1 Person

    • erinjsteen schreibt:

      Ich nutze das 8-Sequenzen-Modell, wenn ich planen muss. Das reicht mir in der Regel aus, aber Figuren und Orte werden auch bei mir genauer geplant/recherchiert. Allerdings passiert das bei den Figuren erst während des Schreibprozesses. Was ich über meine Figuren aus ihren Handlungen lerne, schreibe ich auf, damit ich keine Widersprüche aufbaue.

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