Der erste Entwurf

Was ist der erste Entwurf?

Ich meine damit, deine Geschichte. Einmal die komplette Story. Alles was von Anfang bis Ende passiert. Und unter dem letzten Satz steht das Wort „ENDE“.

Es ist absolut in okay, wenn dieser erste Entwurf nicht schön zu lesen ist. Er ist deine Rettung vor dem leeren Blatt Papier. An dem leeren Blatt kannst du nichts verbessern. Es ist und bleibt leer. Aber an einem vollständigen ersten Entwurf, kannst du alles ändern, was dich stört und du hast immer noch die ganze Geschichte in den Händen.

Das heißt, dein erster Entwurf darf sogar total schlecht werden. Hauptsache, du hast die ganze Geschichte einmal aufgeschrieben.

„Was? Dann kann ich ihn ja wegschmeißen. Wofür die ganze Arbeit?“

Ja, ich verstehe deine Skepsis. Damit habe ich selbst häufig auch so meine Schwierigkeiten, den mein innerer Kritiker geht wirklich gern in Dialog mit meinem kreativen Ich.

Ein Beispiel für die Situation, die ich meine:

Du schreibst eine spannende Szene und bist gerade mitten in einem Satz. Du weißt, der Satz wird niemals genau so in deinem Buch stehen. Das spielt in dem Moment auch keine Rolle. Wichtig ist, dass der Satz geschrieben wird, damit er später korrigiert werden kann. Du haderst mit dem nächsten Wort. Du erinnerst dich an eine Regel, die besagt, dass du genau das nächste Wort (z.B. das leidige Füllwort eigentlich) in deinem Kopf nicht schreiben sollst. Du solltest genau das jetzt völlig ignorieren. Der Kritiker wittert schon seine Chance. Er spürt, dass du zögerst. Er sagt freundlich zu dir „Warte, lass mich helfen. Da hinten stimmt auch noch etwas nicht ganz.„. Du denkst „Hey, wie nett von ihm. Lass ihn das kurz erledigen.„. Zwei Stunden später sitzt du korrigierend 12 Kapitel vor deinem schwierigen Satz und hinterfragst, ob die Geschichte so überhaupt noch Sinn macht.

Das meine ich. Der Kritiker meint es (meistens) nur gut mit dir. Er möchte, dein Ergebnis verbessern und manchmal möchte er dich vor einer Niederlage bewahren. Er möchte nicht, dass du enttäuscht wirst, weil du von einem Leser zu hören kriegen könntest, dass du kein Talent zum Geschichtenerzählen hast. Das sind alles gute Absichten, sie sind aber völlig irrelevant für deinen ersten Entwurf.

Du schreibst die ganze Geschichte auf. Danach kommt der nächste Schritt: Verbessern, Streichen, Hinzufügen, Überarbeiten. Dadurch wird alles was du schon geschrieben hast um Längen besser als vorher. Es muss dir nicht peinlich sein, wenn deine Sätze im ersten Entwurf immer wieder mit Sie, Er oder Dann anfingen. Vermutlich wird kein einziger Satz genauso bleiben, wie er im ersten Entwurf war. Es ist auch nicht schlimm, wenn du unterwegs in einer Szene den Faden verloren hast, weil du ihn später immer wieder finden kannst. Verbessern ist so viel einfacher als sofort den perfekten Satz, die perfekte Szene, das perfekte Kapitel und das perfekte Buch schreiben zu wollen.

Jeder von uns hat seine Schwächen – Illusionen beiseite!

  • Der eine schreibt eine großartige Story, doch verwendet viel zu häufig die gleichen Wörter.
  • Der nächste kann unheimlich schöne Prosa schreiben, doch verfehlt das Ziel der Szene.
  • Dem einen gelingen wunderbare Dialoge auf Anhieb, der andere muss hart daran arbeiten, die Stimme seiner Figuren zu entwickeln.
  • Wieder ein anderer schreibt viel zu lange Schachtelsätze, die für den unbedarften Leser unverständlich sind.

Nichts davon ist ein Problem in deinem ersten Entwurf, solange du nicht nach dem Wort „ENDE“ sofort veröffentlichst. Trau dich, deine Schwächen zu sehen. Du musst deinen ersten Entwurf niemandem zeigen. Er ist nur deine Arbeitsgrundlage für alles weitere.

Du glaubst mir nicht? Ich bin mit dieser Meinung nicht allein.

Ließ zum Beispiel bei der lieben Jacky mehr darüber: Schlecht Schreiben Lernen

Was du mit deinem ersten Entwurf machen sollst, wenn er fertig ist, schreibe ich dir ein anderes Mal. Bis dahin, vertraue darauf: Es gibt für jedes Problem eine Lösung.

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7 Gedanken zu “Der erste Entwurf

  1. Frau Schreibseele schreibt:

    Schöne Worte und sehr passend. Ich bin mir nicht sicher, wer das gesagt hat, aber vor kurzem entdeckte ich das Zitat: Du schreibst den Roman für Dich, überarbeitest diesen für Deine Leser*innen.

    Und so ist es letztendlich. In der ersten Fassung kommt alles rein, was Du glaubst, was wichtig ist. Schöne Beschreibungen, Info Dump und so weiter. Wenn es dann an die zweite Fassung geht, sollte man sich als Autorin bzw. als Autor zurücknehmen und überlegen, gut, ich habe die Geschichte für mich geschrieben, doch wie kann ich meinen zukünftigen Leserinnen und Lesern eine Freude bereiten.

    Und wenn man das herausgefunden hat, kann man die fertige Fassung irgendwann veröffentlichen.

    lg

    Gefällt 2 Personen

  2. simondede schreibt:

    Hallo Erin,
    da habe ich doch auch mal auf deinem Blog vorbeigeschaut… Und dieser Beitrag hilft echt weiter! Versuche mir, das echt mal zu Herzen zu nehmen. Bei mir ist es nämlich so, dass ich versuche, schon am Anfang immer alles perfekt zu schreiben und das blockiert mich dann des Öfteren.
    Also, noch mal, vielen Dank für diesen Beitrag! 🙂
    LG, Simon

    Gefällt 3 Personen

    • erinjsteen schreibt:

      Das verstehe ich sehr gut. Manchmal hänge ich mich auch daran auf, dass ich blöde Wortwiederholungen erzeuge. Dann muss ich mich immer daran erinnern, dass am Ende sowieso kein Stein auf dem anderen bleiben wird.

      Gefällt mir

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